18.03.2016  /  Regina  /  Kategorie: Portraits

Aus der Berliner Perspektive nimmt man ja gerne mal an, die Stadt sei in musikalischer Hinsicht der Nabel der Welt. Sicher, jede Menge international bedeutende DJs, Bands und Produzenten beehren Woche für Woche die hiesigen Clubs. Aber manches bleibt ganz eindeutig unter unserem Radar. So finde ich die Connection nach Süddeutschland und Österreich absolut verbesserungswürdig. Wir wollen darum einmal den Blick in Richtung Süden werfen – in Form eines Interviews mit Sam Irl, der am 25. März sein neues Album „Raw Land“ auf dem Münchener Label Jazz & Milk veröffentlichen wird. Ganz frisch hat der in Wien ansäßige DJ und Produzent außerdem zusammen mit Patrick Pulsinger das sehr vielversprechende Duo Pulsinger & Irl gestartet. Anlass für unser Gespräch soll aber sicherlich nicht nur die geografische Verortung sein: „Raw Land“ ist ein wunderbares Werk sorgsam komponierter House-Musik, dem Einflüsse aus Soul, Funk und Hip Hop klar anzuhören sind, ohne sich in Nostalgie zu verlieren.

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Sam, Du bist in der Nähe von Deggendorf aufgewachsen, also in der tiefsten niederbayerische Provinz – wie sah die Musikszene dort damals aus?
Die Musikszene war äußerst klein bis nicht existent, zumindest die, von der wir etwas in unserer Jugend gewusst haben. Das war einerseits natürlich frustrierend aber irgendwie auch ein Ansporn, selber etwas zu machen. Ich hatte das große Glück in einem recht kleinen Ort viele musikalisch-aktive Freunde zu haben, es gab darunter einige DJ’s, MC’s und welche, die wie ich auch schon begonnen hatten zu produzieren. In unserem Ort selbst haben wir schon früh angefangen zu veranstalten, es gab z. B. eine Reihe von vierteljährlichen Parties in einem Vierseitbauernhof, der recht idyllisch war mit mehreren Floors, Lichtinstallationen, Live-Bands, etc. Durch die unterschiedliche musikalische Mischung unserer Crew haben wir dort alles von Hip Hop, Reggae, Funk, Broken Beat, Nujazz bis House, Techno, Grime und Drum’n’Bass gespielt, das ganze eklektische Ding kam bei uns allen früh schon auf recht natürliche Art und Weise durch den gegenseitigen Einfluss unserer Freundschaft. Abgesehen davon haben wir regelmäßig in der nächstgelegenen Stadt Deggendorf in Bars, einem alternativen Kulturzentrum und später auch in dem legendären Club Bogaloo in Pfarrkirchen Veranstaltungen gemacht.

Wie hast du nach deinem Umzug nach Wien vor zwölf Jahren Anschluss an die lokale Musikszene gefunden?
Das waren eigentlich alles Zufälle, in einem Club einen zukünftigen guten Freund kennengelernt, der schon länger in Wien war und ein paar Veranstalter und DJ’s kannte. Außerdem waren wir öfters auf der “Schmiede”, eine großartige, freie Kunstplattform in Hallein bei Salzburg, in einer alten Saline. Dort treffen sich jedes Jahr viele Künstler, Musiker, Produzenten, Filmemacher, u.a. und arbeiten zehn Tage an allen möglichen Projekten und Kollaborationen. Da lernt man auf einen Schlag ziemlich viele spannende Leute kennen, die dann zum Teil zu Freunden werden. So geht das halt irgendwie immer weiter. In Wien selbst hat sich das einfach ganz langsam schrittweise ergeben, dass man immer mehr reinwächst, öfters gebucht wird und so.

Was genau hast du studiert? Bist du jetzt nach deinem Abschluss Vollzeit-Produzent und wie sind die weiteren Pläne?
Anfangs ging ich nach Wien um Musikwissenschaft an der Universität Wien zu studieren aber nach ca. zwei Jahren habe ich mich entschlossen die Aufnahmeprüfung für das Tonmeisterstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien zu machen, was dann ein Jahr später beim zweiten Versuch geklappt hat. Seit meinem Diplom betätige ich mich als Tonmeister für Studiojobs und als Musiker, Produzent und DJ. Nebenbei arbeite ich in einem Fachgeschäft für Vintage-Synthesizer und Studioequipment, Wavemeister. Eines der jetzigen Hauptprojekte neben meiner eigenen Solo-Musik ist das Duo-Projekt “Pulsinger & Irl” zusammen mit dem Wiener Produzenten und Betreiber des “Feedback Studio” Patrick Pulsinger, für den ich auch als Studio-Assistent tätig bin. Wir sind gerade viel gemeinsam im Studio und arbeiten an einer EP, die im Herbst erscheinen soll. Abgesehen von den Studiosessions spielen wir dieses Jahr öfters gemeinsam live, u.a. auf dem Sonar Festival 2016.

Pic_Sam_Irl_by_Studio_FESTAuf Jazz & Milk hast du bereits zwei EPs herausgebracht und nun erscheint dort auch dein Album. Warum gerade da und was macht die Verbindung zu dem Label für dich aus?
Dusty, der das Label im Alleingang seit mittlerweile 10 Jahren betreibt, ist einfach ein passionierter und idealistischer Musik-Fan. Wir haben uns auch über einen Zufall kennengelernt, als er mal in München auf einer Party meine erste EP (die 2007 auf dem Stuttgarter Label Pulver Records erschienen ist) gespielt hat. Haben dann gleich zu quatschen begonnen und sind mittlerweile seit vielen Jahren enge Freunde. Die Art und mit welcher Leidenschaft Dusty an die Labelarbeit und Musik im allgemeinen herangeht bewundere ich sehr und bin sehr dankbar seit ein paar Jahren Teil der Jazz & Milk-Familie sein zu dürfen.

Welche Geräte verwendest du beim Produzieren und wie gehst du dabei vor?
Mein wichtigstes Gerät auf dem ich seit ca. 8 Jahren alles produziere ist die Akai MPC 1000. Damit habe ich alle Songs gesampled und programmiert. Abgesehen davon habe ich eine Reihe von Analogsynthesizer verwendet, u.a. Moog Rogue, Roland Juno 106, Roland JX-3P, Oberheim Matrix-6R, Korg MS-20mini. Für das Album habe ich auch viele Outboard-Effektgeräte benutzt, z. B. Roland Space Echo RE-201, Roland Dimension D, diverse alte Federhall-Geräte, Akai MFC 42 Filter, u.a.. Anschließend hab ich dann am Computer (Logic) alles editiert und über mein 70er Jahre Studer-Mischpult analog abgemischt.

Vocals kommen auf „Raw Land“ auffallend sparsam bis gar nicht zum Einsatz; ist das etwas Grundsätzliches oder eher so passiert?
Ich hab selbst drüber nachgedacht vielleicht was mit Sänger/Innen auf dem Album zu machen, aber irgendwie hat es sich einfach nicht ergeben, da ich keine Ideen und auch kein Bedürfnis nach Vocals hatte. Es mag für manche vielleicht spannender sein mit Vocals, aber ich persönlich mag einfach Grooves, die mit relativ wenig auskommen und sich über die Zeit subtil entwickeln und entfalten. Daher kam es recht natürlich, dass die Tracks alle Instrumental geblieben sind. Vielleicht arbeite ich in Zukunft mal mehr mit Vocals.

Jetzt hätten wir gerne noch ein paar Tipps: Wo kann man in Wien am besten Platten kaufen? Und wo Synthesizer & Equipment?
2nd Hand Platten: mein Favorit zum Diggen, vor allem für unterschiedlichstes Sample-Material ist “Teuchtler Schallplattenhandlung & Antiquariat”. Ein großartiger verwinkelter Laden mit sehr familiärer und freundlicher Atmosphäre, dort find ich immer am meisten. Ab und zu gehe ich auch zu Moses Records.

Neue Platten: Substance, Das Market, Personal Records, Tongues.

Synthesizer & Equipment: Da bin ich natürlich voreingenommen, da ich dort mitarbeite: Wavemeister. Wobei wir seit Anfang dieses Jahres so gut wie nur noch online verkaufen. Für Modular-Fans gibt es auch den “Raw Voltage” Shop, wobei ich selber kein Modularsystem hab und dort noch nie war.

Sam Irls nächste Termine:

26.3. Live-Set / “Raw Land Album-Release Party /w Dusty & D2E3″, Milla, München
1.4. Live-Set / “Raw Land Album-Release Party /w Dusty, Swede:art & Flo’Alike”, Celeste, Wien
22.4. DJ-Set / “Pusic Records”, Tante Emma Club, Innsbruck
27.5. Pulsinger & Irl Live / Lighthouse Festival, Kroatien
17.6. Pulinger & Irl Live / Sonar Festival, Barcelona

Sam Irl ist zu finden auf Facebook und Soundcloud. Außerdem war er gerade in der Sendung PULS im Bayerischen Rundfunk zu Gast – hier das Interview und die Live-Session in der Mediathek.