23.05.2019  /  Sascha  /  Kategorie: Podcasts

„Verdamp lang her“, würde ich an dieser Stelle in meinen nicht vorhandenen, grau melierten Bart murmeln, wäre ich der Sänger einer bräsigen Altherrenband aus Köln. Bin ich aber nicht. Lange her ist’s inzwischen aber trotzdem, dass ich Marco Heinzmann aka Wasteman samt seiner liebenswürdigen Macken beim Groove-Magazin kennenlernte. Seine Liebe zur Spezi war berüchtigt, genauso sein Talent als Grafiker. Und natürlich auch seine Passion für die Musik, ganz speziell die mit genauso viel Bass wie Ecken und Kanten. Inzwischen hat es Marco samt Kind und Kegel nach Würzburg verschlagen. Doch noch immer gestaltet er als Super Quiet die Cover diverser Labels und legt als Wasteman auf.

Wasteman

So auch jetzt wieder für die neuste Ausgabe des Ashorecasts, der dieses Mal ein so entspannter wie tieffrequenter Ritt von HipHop bis Synth-Funk geworden ist. Natürlich mit lauter Platten, von denen wir vorher noch nie etwas gehört haben. Im Interview verriet uns Marco zudem wie es sich in Würzburg so leben lässt, was ihn immer noch bei der Musik-Stange hält und wie es aktuell um seine Partyreihen Shlomp und Dead Styles steht.

Marco, wenn du nicht gerade auflegst, arbeitest du vor allem als Grafiker unter dem Namen Super Quiet, unter anderem für Partys und Labels wie Office Recordings oder Moniker Eggplant. An welchen Projekten arbeitest du aktuell?
Gerade ist die Office Katalognummer 16 fertig geworden und ein Artwork für BLIQ ist bereits beim Presswerk. Ein neues Release für Ran Rad (ein Unterlabel des chinesischen Labels Ran Music) ist auch schon in den Startlöchern. Plattencover habe ich eigentlich immer zwei oder drei in der Pipeline, wobei die Taktung langsamer geworden ist, was vor allem an der extrem langen Produktionszeit der Presswerke liegt.

  • Cover Bliq 19
  • Cover Office 015
  • Cover Office 016
  • Cover RRD 001

Ich habe mir im letzten Jahr ein kleines Arsenal an Druckmaschinen aufgebaut, mit denen ich rumexperimentiere. Ansonsten arbeite ich gerade mit einem analogen Videomischpult an Videofeedback und anderen Effekten. Das fließt alles in meine Arbeiten ein und wird auch gerne wild miteinander kombiniert. Ich habe gerade erst wieder begonnen, freie Arbeiten zu produzieren. Es wird großformatiger, weil ich in meinem Atelier in Würzburg einfach mehr Platz habe als in meinem kleinen Arbeitszimmer in Berlin.
Im Juni nehme ich an der Gruppenausstellung „Re: SW“, in der Kulturwerkstatt Disharmonie in meiner Heimatstadt Schweinfurt teil. Dann plant unsere Ateliergemeinschaft zwei Gruppenaustellungen. Eine im neuen Viertelkultur und eine im Cairo in Würzburg.

Wasteman Ohm

Wir beide haben uns beim Groove-Magazin kennengelernt. Ich zunächst als Praktikant, wie bist du eigentlich damals dort gelandet? Und was hat dich deine Zeit als Grafiker dort gelehrt?
Ich hatte mich im Studium schon mit Magazinen beschäftigt. Vor allem mit Musikmagazinen. Das wollte ich dann auch unbedingt machen. Als ich dann in Berlin gelandet bin, habe ich erstmal ein Jahr lang nichts gemacht und mich umgehört. Ich kannte einen der damaligen Grafiker der Groove. Erst habe ich kurz bei der Spex probegearbeitet und als er dann von der Groove weggegangen ist, wurde ich gefragt, ob ich eventuell Lust hätte, das Heft zu layouten. Ich hatte schon ein Praktikum bei meinem damaligen Lieblingsmagazin Lodown in der Tasche, habe mich dann aber für den richtigen Job bei der Groove entschieden. Natürlich auch weil ich ja irgendwie Essen und Miete bezahlen musste.
Ich fand vor allem die Menschen toll, die damals an der Groove, aber auch an der Spex gearbeitet haben. Tolle Kollegen. Ein bestimmter Schlag Mensch, obwohl alle komplett verschieden waren. Schwer zu beschreiben. Es war aber auch aufreibend, als klar war, dass das Format Printmagazin ein Auslaufmodell ist. Auf der einen Seite ärgere ich mich, dass ich das sinkende Schiff nicht früher verlassen habe, auf der anderen ärgere ich mich aber auch, dass gerade die letzte Ausgabe die einzige in meiner Laufbahn war, an der ich nicht mitgearbeitet habe. Shit happens! R.I.P. Groove Magazin.

Ist eure Partyreihe Dead Styles eigentlich, naja, dead? Ich erinnere mich gerne an die Nächte in diesem Keller am Schlesischen Tor, sowas fehlt hier ein bisschen in Berlin.
Nee, Dead Styles ist nicht tot. Wir versuchen die Party zwei bis drei Mal im Jahr zu veranstalten. Die Party gibt es schon seit 2011 und ist immer noch extrem wichtig für mich. Es ist leider etwas kompliziert, für alle fünf Mitglieder der Crew ein Datum zu finden, an dem alle Zeit haben. Wir sind da aber auf jeden Fall dran.

Dead Style Flyer

Vor gut einem Jahr hat es dich von Berlin nach Würzburg verschlagen. Gibt’s etwas, das du an Berlin vermisst? Und um das wir dich hier an der Spree beneiden sollten?
Ich vermisse natürlich das musikalische Angebot. Gar nichtmal die großen Clubs, sondern eher die kleinen Locations wie Sameheads oder Loophole, in denen du immer etwas neues Schräges entdeckst. Oder Bars wie zum Beispiel das OTannenbaum, wo eigentlich ausschließlich interessante Musik aufgelegt wird und du einfach reinschneien kannst. Ein weiterer Pluspunkt an Berlin ist natürlich das Essen.

Dead Styles 2014

Im Sommer hänge ich in Würzburg gerne im Biergarten der Waldschänke Dornheim rum. Eine kleine Oase in dieser Stadt und zum Glück nur fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt. Ansonsten bieten die Mainwiesen mit Blick auf die Weinberge eine Kulisse, die ungemein zur Entspannung beiträgt. Insgesamt geht es hier etwas gemächlicher zu, das merkt man zum Beispiel an der Supermarktkasse. Die haben hier tatsächlich dafür Zeit, sich mit den Kunden zu unterhalten – unglaublich!

Macht das Ausgehen dort, also in Würzburg, für dich Bock – oder spielt das für dich derzeit eh weniger eine Rolle? Was geht so in der Stadt?
Es gibt tatsächlich für jeden etwas. House/Techno in der MS Zufriedenheit oder im Dornheim, Rap/Trap im Kurt und Komisch, „Indie“-Konzerte im Cairo, der Kellerperle oder dem Immerhin. Größere Konzerte in der Posthalle, wo sich auch mein Atelier befindet, die leider bald abgerissen wird. Die Bookings sind für die größe der Stadt schon relativ ambitioniert. Zuletzt im Club war ich bei Daniel Haaksman im Kurt und Komisch. Es war wunderbar. Leider gibt es nur wenig gute Kneipen hier. Das Kult ist schon immer die einzige Zuflucht, wenn man ein Bierchen trinken will.
Leider denkt die CSU gerade über eine Verlängerung der Sperrzeit für Kneipen und Clubs nach. Das würde bedeuten, dass die Clubs bereits um vier Uhr und Kneipen bereits um zwei Uhr schließen müsten. Ein Desaster.

Ich klebe fast jeden Tag an meinem Laptop und durchforste die Mailorder nach Platten. Eigentlich bescheuert, aber tatsächlich wie eine Sucht.
Wasteman

Seit ein paar Jahren bist du nun Vater. Super Sache natürlich, doch für viele auch ein Grund, ihre Passion für die Musik etwas links liegen zu lassen. Du scheinst für Platten und so immer noch zu brennen, wie kriegst du Kind und Job mit der Musik-Nerderei unter einen Hut?
Es ist eigentlich total bescheuert, aber tatsächlich wie eine Sucht. Ich klebe fast jeden Tag mindestens eine Stunde und meistens kurz vor Mitternacht an meinem Laptop und durchforste die Neuigkeiten diverser Mailorder nach interessanten Platten. Das können pro Mailorder schon mal bis zu 500 Releases sein. Wenn ich etwas gefunden habe, löst das anscheinend ein Glücksgefühl aus. Wenn ich dann in Frankfurt oder Berlin bin, geht es natürlich in die Plattenläden. Ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich dann etwas finde, das meinen Geschmack trifft – wie zuletzt im Tactil, als ich eine Pearson Sound Platte aus dem Regal gezogen habe, die ich noch nicht hatte. Es ist natürlich nicht einfach, sich die Zeit für so ein, nennen wir es mal „Hobby“, freizuschaufeln.

Wasteman Plattenregal

Ohne welche fränkischen Backwaren könntest du nicht leben?
Dürrplätz und Bierstangen über alles!

Ich habe den Mix einfach First Try am Stück mit Gewalt zurechtgeschraubt.
Wasteman

Vielen Dank für deinen Mix – einfach spontan am Stück eingetütet oder mit Konzept und Plan rangegangen? Wie und wo hast du ihn aufgenommen?
Das Ganze ist ja erst durch deine Ansage „Mach daraus mal ’nen Mix“ entstanden und war eigentlich eine riesige Plattenbestellung, die ich mal mit Sound-Samples auf Instagram geteilt habe. Eher untypisch für das, was ich normalerweise so auflege. Die meisten Tracks standen eh noch vor meinem Plattenregal rum und wurden einfach in die richtige Reihenfolge gebracht. Ein paar Platten wurden rausgeworfen und durch Releases von Freunden oder bewährten Scheiben wie der Kufuki 12-Inch ersetzt. Konzept hatte das nicht wirklich. Ich habe den Mix auch einfach First Try am Stück mit Gewalt zurechtgeschraubt. Es holpert an zwei, drei Stellen etwas, aber ich mag sowas ja irgendwie. Außerdem ist mir das wirklich zu blöd, zu versuchen, mit 7-Inches sauber zu mixen. Soviel Geduld hat doch kein Mensch. Bei einem meiner Lieblingsmixe von DJ Krush (Code4109) freue ich mich zum Beispiel immer auf die Stelle, an der er eine Platte reindreht – und die ist damit fast das Highlight des Mixes. Dieser Mix ist wiederum auf Platte gepresst worden. Absurd und heutzutage wahrscheinlich unmöglich.

Platten Mix

Aufgenommen wurde mein Mix zu Hause an meinem Raumschiff mit zwei Gemini-Plattenspielern (die habe ich schon mein halbes Leben lang), natürlich Schallplatten, einem Vestax-Mixer und Audacity.

Verschlägt es dich demnächst mal wieder für einen Gig nach Berlin? Oder wo gibt’s dich sonst noch dieses Jahr als DJ zu erleben?
Am 15. Juni lege ich im West Germany bei Nebulae auf und am 28. September mit dem Small But Hard Collective bei Frau Korte in Erfurt. Zwischendurch in Würzburg auf diversen Ausstellungen. Auch Shlomp geht weiter. Das erste Date im Monarch ist schon fix. Jedoch erstmal unter der Woche. Ich habe in den letzten zwei Jahren relativ wenig aufgelegt, aber es wird wieder wichtiger. Schon merkwürdig irgendwie.

Tracklist

Japan Blues – Yakuza No Uta (Japan Blues)
Trux – Just A Moment [O$VMV$M Version] (Office)
Knapp – Zag (Kashual Plastik)
Modula – Argonauta [I’ve Been So Lonely] (Periodica)
Rick Shiver – Chili Cha Cha (Nose Job)
Kufuki – Torobayashi In Dub [Japan Blues Excursion] (Les Editions Japonais)
TCP – Yesyoah (Certain Dubs)
Mophono – Lump Sum Slum Lord [Dabrye Remix] (CB Records)
Kenlo Craqnuques – Autoremote (Hot Shot Sounds)
Yondo – N Love (Family Affair Records)
Maurizio Delvecchio – Unit [Remix] (Seminato)
Andy Mac & Ossia ‎– Soup Riddim (No Corner)
Streetboxxer – Honda Riddim (Kings Chamber)
Jam City – Dream ’15 (Night Slugs)
Mark A. Mitchell – How Can I? (Fantasy Love Records)

Wasteman aka Superquiet kann man bei Soundcloud und Instagram folgen.