13.04.2016  /  Sascha  /  Kategorie: Podcasts

Carl Suspect

Ähnlich wie Leipzig war auch Dresden schon immer eine feste Konstante im Ashore-Kosmos, was natürlich nicht zuletzt auch an dem Label Uncanny Valley samt seiner Künstler sowie inzwischen auch Sublabels (Shtum, Rat Life) liegt. Und nachdem wir im September 2015 bereits Albrecht Wassersleben zu Wort und Ashorecast kommen ließen, zieht nun ganz zu unserer Freude mit Carl-Johannes Schulze alias Carl Suspect ein weiterer Mitbegründer von Uncanny Valley nach. Der gebürtige Dresdner zieht seit 2010 zusammen mit Philipp Demankowski, Conrad Kaden und „Albi“ die organisatorischen Fäden bei Dresdens derzeit wohl bekanntestem (und bestem) Label, und ist dabei insbesondere für die visuelle Präsentation zuständig.
Zudem hat Carl vor einiger Zeit unter dem Namen „Trigger“ eine neue Partyreihe ins Dresdner Nachtleben gerufen und arbeitet tagsüber auch noch Vollzeit in einem Design Studio. Zum Glück hatte er bei all diesen Baustellen noch ein wenig Zeit für uns und unsere Fragen rund um seine Arbeit bei Uncanny Valley, die Szene von Dresden und nicht zuletzt seinen grandiosen Ashorecast, der knapp eine Stunde lang hochenergetisch zwischen Techno, Tribal, House und Proto-Hardcore wandelt.

Carl, du bist bei Uncanny Valley u. a. für die visuelle Präsentation des Labels und der Releases zuständig. Hast du ein Lieblingscover unter den bisherigen Veröffentlichungen?
Meine Aufgabe bei UV ist es, dafür zu sorgen, dass trotz der Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Künstlern, dennoch eine optische Linie in unseren Covern erkennbar ist. Ich versuche, einen passenden Gestalter für jedes Release zu finden, setze die Typo und bereite die Cover für die Druckerei vor. Bei vielen Platten übernehme ich zudem die Gestaltung.
Ich mag die von Jacob Stoy entworfene Standardhülle, die jedes shtum-Release kleidet. Ein sehr minimalistisches, aber im Detail sehr starkes Bild, was Jacob mit einfachen Mitteln gestaltet hat. Spannend fand ich auch den Ansatz von Thomas Neugebauer für die Steve Kasper-Platte, fotografische und skulpturale Elemente zu Verknüpfen und somit einen Bogen zur Musik zu spannen. Alexander Dorn aka Credit 00 hat Rat Life ein sehr passendes Aussehen verliehen und damit seinen eigenen Spielplatz geschaffen.

Trigger

Unter der Namen „Trigger“ veranstaltest du (neben den UV-Nächten) auch eigene Partys in Dresden. Was ist das Konzept dahinter, wer hat bislang alles gespielt und was ist für die nächsten Nächte geplant?
Wir veranstalten sehr wenige Uncanny Valley-Partys in Dresden, da diese etwas besonderes sind und auch einen sehr hohen Organisationsaufwand haben. Daher gibt es mehrere Veranstaltungen, die zwar einen klaren Bezug zu uns haben, aber keine wirklichen Labelpartys sind. Trigger habe ich im Januar in einer kleinen Location gestartet. Die Idee dazu kam mir während des Unsound Festivals. In einem Diskussionspanel haben Künstler wie Aurora Halal oder Charlie von der Warschauer Brutaż Crew ihre Visionen einer guten Party kontrovers diskutiert. Trigger ist eine subversive Veranstaltungsreihe, die ohne aufwendig konstruierten theoretischen Überbau die vielen Details einer guten Party vereinen soll. Es ist auch die Chance, etwas von Grund auf selbst zu gestalten. Ich entwerfe die Plakate und Visuals, erstelle das Programm und lege sogar auf. Bisher waren Elisabeth, Onetake und Karete Bu zu Gast. Am 6. Mai folgen Qnete und Leibniz. Dazu spielen meist junge Acts der aufkommenden DJ-Generation.

carl_suspect_hoch

Bist du zufrieden mit der elektronischen Musikszene von Dresden? Was macht die Stadt deiner Meinung nach besonders, aber was sollte sich auch unbedingt ändern?
Ich denke, wenn man mit etwas zufrieden ist, dann befindet man sich im Stillstand. Die Probleme der Dresdner Musikszene findet sich auch in vielen anderen Städten wieder. Ein Beispiel ist die männliche Dominanz und damit die zurückgebliebene Diversität des lokalen House- und Techno-Milieus. Auf diesem Gebiet gibt es aber positive Entwicklungen, wie das XXY-Projekt von Albrecht Wassersleben zeigt. Steigende Mieten führen dazu, dass Studioräume rar sind und Wohnraum in einigen Teilen der Stadt teuer geworden ist. Eine Besonderheit ist die Konzentration der kreativen und hedonistisch begabten Bevölkerung auf ein Stadtteil. In der Dresdner Neustadt wohnt ein Großteil der lokalen Protagonisten. Dies sorgt für eine besonders intensive und inspirierende Atmosphäre im Viertel, aber gleichzeitig auch dafür, dass die Bewohner selten bereit sind, in andere Stadtviertel zu fahren. Alle Clubs und Locations sollten möglich per Fuß erreichbar sein. Ein Freund aus Irland meinte einmal: „Wenn die Dresdner von anderen Stadtvierteln hören, denken sie gleich an einen Reisepass“. Bemerkenswert ist die heranwachsende Generation an DJs und Produzenten, die mit großer Euphorie genreübergreifend Platten kaufen, auflegen, Partys veranstalten und sogar Clubs eröffnen. Im Moment ist eine Bewegung spürbar, die interessante Synergien erzeugt. Das schöne an dieser Entwicklung ist auch, dass die „Alten Hasen“ der Dresdner Bewegung inkludiert werden und so ein Erfahrungsaustausch stattfindet. In diesem Jahr wird die Stadt neue Open-Air-Locations und auch Clubs erleben und somit ein positives Signal nach außen senden.

Danke für deinen Mix! Wie und wo hast du ihn aufgenommen, gab es vorab ein Konzept?
Meine Lieblings-DJ-Frage! Der Mix wurde mit zwei Plattenspielern, einem Mixer und einem geliehenem CD-Spieler aufgenommen. Ich wollte schon länger einen Mix in dieser Richtung aufnehmen, da ich derartig Rhythmus getriebene Platten gern spiele. Letztes Jahr habe ich dich auf einer Open-Air-Party in Dresden getroffen und dir von meiner Vorstellung eines Tribal Mixes erzählt. Ursprünglich sollte der Mix technoider werden, aber dann kamen Jan Schulte und Public Possession dazwischen. Mit den härtesten Kritiker meiner Mixtapes betreibe ich das Label Uncanny Valley, und mein Ziel ist es daher, ihnen gerecht zu werden.

Scherbe UV Platte

In deinem Mix gibt es auch einen Track von dir zu hören. Seit wann machst du auch selbst Musik, und ist eventuell sogar bald mit einem Release von dir zu rechnen?
Jacob Stoy hat mich vor zwei, drei Jahren dazu ermutigt, auch selbst Tracks zu produzieren. Zunächst habe ich maschinenbasiert viele Onetakes und Sessions aufgenommen. Als ich an einem Punkt war, dass ich aus diesen endlos langen Aufnahmen Tracks machen wollte, habe ich mich intensiver damit beschäftigt. Ich bin mit unseren Uncanny Valley-Künstlern von zahlreichen Mentoren umgeben, was sehr hilfreich ist. Neben unseren drei Labels als Beschäftigung arbeite ich auch noch Vollzeit in einem Design Studio und finde oft nur an den Wochenende Zeit zum Produzieren. Ob irgendwann ein Release daraus entsteht, wird sich zeigen. Das Stück aus dem Mix ist im Herbst 2015 entstanden, nachdem Jacob Stoy und ich auf eine coole Dokumentation über Indien stießen. Mit Jacob habe ich auch noch ein Tape-Edit-Projekt in Arbeit, was spannend werden könnte.

Was steht so alles in nächster Zeit bei dir und Uncanny Valley und Shtum an?
In diesem Jahr finden die Künstler auf Uncanny Valley zurück, mit denen wir das Label auch angefangen haben. Konkret wird es je eine EP von Cuthead, Jacob Korn und Credit 00 geben, letzterer ist auch dabei, sein Album zu vollenden. CVBox, Jacob Stoy und Break SL arbeiten auch an interessantem neuen Material. Die in den nächsten Wochen folgenden Releases stammen von Chinaski und Massimiliano Pagliara.
Auf Shtum folgt mit der Nr. 10 eine Compilation mit Perm, Leibniz, Jaures und unserem Neuzugang Chino aus Krakau. Kryptic Universe aka Lockertmatik steht auch mit einer neuen EP bereit. Was auf Rat Life passieren wird, darf ich jedoch leider nur bei Vollmond verraten. Am schnellsten gewinnt ihr den Überblick über die Aktivitäten unserer drei Labels auf unserer Bandcamp-Seite.

Wo kann man dich demnächst mal wieder auflegen hören?
Ich habe im Moment meine Gigs etwas zurückgefahren, da ich in den ersten Monaten des Jahres sehr viel unterwegs war und ich mehr Zeit für eigene Produktionen finden möchte. Hören kann man mich auf jeden Fall bei Trigger am 6. Mai in der Groovestation Dresden und am 9. Juni bei der Donnersducks-Reihe von Lt. Dan im Ritter Butzke. Achja, und am 1. Mai spiele ich noch bei den serum Jungs in Osnabrück auf einem Open-Air.

Tracklist

1. Carl Suspect & Jacob Stoy – Indische Kinder (unreleased)
2. I:Cube – Prepgav I (Versatile Records)
3. Tambien + Tiago – Untitled A1 (Public Possession)
4. Diskoking Burnhart McKoolski ‎– Talking About Togetherness (Edits Des Amateurs)
5. Santos Rodriguez ‎– Road To Rio B2 (Cosmic ID)
6. Jeff Mills – Sugar Is Sweeter (Purpose Maker)
7. NGLY – Misterious Jazz From Hell (Russian Torrent Versions)
8. A.J. Sound – Basemental (Decay Records)
9. Fred P – Come This Far (Reshape) (Soul People Music)
10. LNRDCROY – Slam City Jam (Mix Assist Mix) (Firecracker Recordings)
11. Muslimgauze – Untitled 1985 (Optimo Trax)
12. Plaid – Ol (Warp Records)
13. Joey Anderson – Thee Analysis (Strength Music Recordings)

Carl Suspect kann man auf Soundcloud, Instagram und Facebook folgen.