19.03.2015  /  Sascha  /  Kategorie: Podcasts

Sommer 2014, Samstagnacht, über den Häusern schon wieder das erste Tageslicht. Auf dem “Technostrich” zwischen Berghain und Revaler Straße sind die üblichen zerstörten Gestalten unterwegs, und auch ich bin auf dem Sprung vom Ohm in den RAW Club. Ein Freund spielte dort das Warm-up, das ich längst um einige Stunden verpasse. Der Club ist schon halb leer und Restesaufen samt Nerdtalk an der Bar angesagt. Techno, SND, Bassmusik, Jam City, Berlin, House, Schweinfurt, diese und jene Crew, all das. Kennste, haste, warste? Ich habe keine Ahnung, wie lange das so ging, doch es war ein Riesenspaß.

Broshuda

Mit dabei unter anderem auch Flo, der als Broshuda seit Jahren von Kassel aus seiner Passion für Grafikdesign, Illustration und Musik nachgeht. Sein eigenes Label HollerBack Records, mit dem er “ein paar Energien im Freundeskreis” bündelte und “wirre Gimmicks” digital oder auf “kuschelig obskuren Formaten wie Mini-CDs oder Tapes als kleine Dreingabe zu einer Veranstaltungsreihe” herausbrachte, liegt zwar vorerst auf Eis, doch dafür erscheint in den kommenden Monaten so einiges von Broshuda selbst. Zum Beispiel auf WTF is Swag, Videogamemusic, Phinery oder Seagrave, wo auch sein neuestes Tape-Release Flares erschien. Labels also, die (genau wie er selbst) für ihre Vorliebe zu Experimenten irgendwo zwischen klassischem House, Downbeat, Ambient und freigeistigem Frickelkram bekannt sind. Wir sprachen mit Broshuda unter anderem über seine musikalischen Einflüsse, seine Kunst, Kassel und seinen Ashorecast, der von minimalistisch brodelnden Synthie-Scapes bis hin zu Arthur Russell reicht und auch einige exklusive Tracks von ihm selbst beinhaltet.

Flo, anders als es dein Alias Broshuda vielleicht vermuten lässt, klingt deine Musik keinesfalls nach Brostep, sondern reicht von Ambient und Pianoskizzen bis hin zu noisy-düster-schweren Beat-Experimenten. Du selbst nanntest das einmal „abstract beat-music“ oder „drone-y dorkwonk“. Was sind deine musikalischen Haupteinflüsse?
Haha, witzig, dass mein Künstlername diese Assoziationen bei dir hervorruft, hatte ich bisher noch gar nicht so gesehen. Aber ja, ich habe sehr großen Spaß an der Abänderung und Neuschöpfung von Genres, die für Außenstehende auf Anhieb vielleicht nicht wirklich Sinn ergeben und meistens leicht augenzwinkernd gemeint sind, aber natürlich auch einen gewissen Wahrheitsgehalt haben. Meine Lieblings-Fantasie-Genres, unter denen meine Musik derzeit für mich selber läuft, sind übrigens Glambient, Post-Wonk (was tatsächlich noch am meisten Sinn ergibt) und Mindgaze, was natürlich auch schon einen kleinen Einblick auf meine Einflüsse gibt.

Allen Spaß beiseite, versuche ich in erster Linie mit meiner Musik so ehrlich wie möglich zu sein und einfach das zu verfolgen, was mich selber interessiert und inspiriert, der experimentelle und intuitive Aspekt stehen deswegen auch sehr weit vorne und bilden so eigentlich das Grundgerüst meiner Arbeitsweise. Ich empfinde es als sehr lohnenswert, zurückzuschauen und zu rekapitulieren, was da war und was gerade ist, es ist für mich auch eher ein schönes Gefühl, mich in eine bestimmte Strömung oder Kontinuum einzureihen und dort vielleicht neue oder andere Akzente zu setzen, oft stoße ich auch bei aktuellen Künstlern, die ich sehr mag, auf witzige Überschneidungen, was die hörbaren Einflüsse angeht, was immer ein leicht schräges, aber auch gutes Gefühl ist. Ich liebe vieles, was im Umfeld solch grandioser Labels wie Astro:dynamics, Werkdiscs oder Dekorder passiert, dort werden für mich einfach viele interessante musikalische Fäden zusammengezogen, besonders Lukid ist da, um nur ein Beispiel zu nennen, einer meiner absoluten Allzeitfavoriten. Die Liste ließe sich natürlich noch ewig weiterführen. Ich will auch nicht zu viel verraten, wer genau hinhört, wird (hoffe ich) schon einiges an Einblicken in meine musikalischen Vorlieben bekommen.

Broshuda Tape-Artwork

Dein Output scheint zudem recht hoch. Wie viel Zeit verbringst du neben Studium (Grafik & Illustration) etc. mit der Musik und wo/mit entsteht sie?
Ich empfinde meinen Output eigentlich selbst nicht als übermäßig hoch, die wahrscheinlich wirklich schönen und interessanten Sachen behalte ich nämlich meistens erstmal eine Weile für mich, bevor diese in irgendeiner Art und Weise in der Außenwelt auftauchen, einiges von dem Material, was man bei Soundcloud hören kann, ist zum Beispiel ein Auszug aus längeren Synthiejams oder Sequenzen, die möglicherweise (manchmal auch nie) noch zu “kompletten” Tracks werden können oder einfach nur einen Einblick bieten, auf das, was noch kommen könnte und eher so eine Art Logbucheintrag darstellen. Die Musik entsteht, nachdem sie meist aus längeren Jams rausgeschält wurde, mehr oder minder unspektakulär, für das Arrangement letztlich überwiegend am Rechner, wobei ich mich glücklich schätzen kann, in meinem Freundeskreis immer mal wieder Geräte ausleihen, be-jammen oder aufnehmen zu können, die den ganzen Prozess ein wenig beleben und auffrischen. Ich selbst besitze nur eine mittlerweile leider verstorbene Drum Machine, einen recht schönen Synthie, den ich auch richtig liebe, etwas nicht näher definierten lo-fi Schundquatsch und eine relativ große Sammlung an Field Recordings und Synthiesnippets/Jams, die ich so mit der Zeit zusammengetragen habe. Ich probiere zum größten Teil nichts zu samplen (Microbits und Stimmschnipsel sind in Ordnung) und nur auf Selbsthergestelltes zurückzugreifen, das ist auch mein Hauptcredo, welches sich auch auf das grafische Arbeiten überträgt (dort aber etwas weniger streng verfolgt wird seit neuestem). Ich probiere mir gerade abzugewöhnen, alles gleichzeitig zu machen, das heißt, dass ich meine Zeit tagsüber hauptsächlich in der Universität zubringe und mich dann in den Abendstunden dem musikalischen Teil widme, der sich aber dann meistens auch nicht wirklich zeitlich eingrenzen lässt, und wie man es wahrscheinlich vielerorts gut kennt, manchmal auch bis in die frühen Morgenstunden andauern kann.

Broshuda – Untitled – Flares (SR005) (2015)

Seit wann lebst du in Kassel und wie lebt es sich dort? Was magst du an der Stadt, was sollte sich ändern? Gibt es etwas, das man sonst nirgends findet?
Die Stadt bietet in meinen Augen einiges an Freiheiten und eine völlig von Hypes und Trends unberührte Attitüde, was ich einerseits als sehr lobenswert empfinde, was sich aber manchmal auch als hinderlich erweisen kann (führt aber tollerweise immer wieder zu solch großartigen Erscheinungen wie direkt aus der Zeit gefallenen, jeansshortstragenden Rollerbladern mit wasserstoffblonden Haaren und Amphetamin, Frust und Entrücktheit im Blick). Ich geniesse es eigentlich immer wieder zwischendurch eben keine übermäßigen “Ausgehverpflichtungen” erfüllen zu müssen, weil jetzt Produzent oder DJ XY spielt, den ich mir unbedingt anhören/sehen muss, denn obwohl sich auch gerade im Rahmen der Kunsthochschule viel Spannendes und Neues entwickelt, passieren die Clubnächte, die mich persönlich wirklich interessieren und nach draussen zwingen, doch anderswo, da Kassel kein übermäßig großes Ohr mehr für die gebrocheneren und abstrakteren Strömungen der derzeitigen Musikwelt übrig zu haben scheint. Ich habe das Gefühl hier größtenteils (auf positive Art) relativ unbeachtet zusammen mit guten Freunden unsere eigene Suppe kochen zu können und meine jeweiligen Projekte voranzutreiben, ohne das Gefühl zu haben, ich würde irgendetwas verpassen. Um es mal so zu sagen: Auch wenn Kassel vielleicht für viele musikalisch nicht unbedingt auf der Landkarte ist, passieren hier doch eine Menge Sachen von hoher Qualität abseits ausgetretener Pfade.

Broshuda - Weird2

Unter dem Namen Dorkville bist du als Grafiker tätig und gehst dabei einem freien Stil irgendwo zwischen Collage, Skizzen, Illustrationen, Glitch und Comics nach. Welchen Ansatz verfolgst du und welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen deiner Musik und deiner Kunst?
Dorkville ist eigentlich nur der Name des Blogs (der auch mal wieder dringend aktualisiert und überarbeitet werden muss) und eine Comic-Reihe, die ich vor ein paar Jahren gemacht habe, meistens firmiere ich auch als Grafik & Illustrationsmensch als Broshuda oder eben unter meinem bürgerlichen Namen. Das ganze hatte mal als ironischer Twist beziehungsweise Parallelwelt zu den eher ermüdenderen Aspekten des Kasseler Stadtlebens angefangen. Vor ein paar Jahren hatte ich dann den Gedanken, eigentlich nichts mehr konkret darstellen zu wollen, sondern mehr abstrakt und technikübergreifend zu arbeiten, was viele Experimente an der Schnittstelle analog & digital und wieder zurück zur Folge hatte, zudem war einer meiner Gedanken, Grafik wie Musik zu behandeln und nur auf selbst generiertes Material zur Weiterverarbeitung zurückzugreifen und mich selber eigentlich ständig zu resamplen. Das Ganze hatte für mich letztlich ein breiteres Assoziationsspektrum und einen befriedigenderen Workflow zur Folge, ich bin musikalisch wie auch gestalterisch kein allzu großer Freund von Arbeiten, denen man zu sehr das dahinterstehende Programm ansieht/-hört, ich muss außerdem auch irgendwas anfassen und rumschieben und basteln können und manchmal auch erst was vor eine Wand fahren um zu einem befriedigendem Ergebnis zu kommen. Mich faszinieren meistens Sachen, bei denen man auf den ersten Blick vielleicht überhaupt keine Ahnung hat, was da passiert ist, und auf den zweiten vielleicht Fraktale einer Technik oder Methode ausmachen kann.

Neben der Musik und Kunst scheint es dir auch das Skateboard angetan zu haben. Was sind deine drei liebsten Skatevideos und/oder Skater (alltime)?
Oh, da muss ich erst nochmal in mich gehen, lass mich überlegen Auf ewig groß natürlich klassischerweise alles was mit Mike Carroll und der ganzen Riege um Girl und Chocolate zu tun hat, FTC’s “Penal Code 100a” ist definitiv eines der Videos, welches ich mit meinem Bruder gut verschlungen habe und als Gesamtpaket von Style bis Sound ganz weit vorne ist. “Sight Unseen” und “Modus Operandi” habe ich auch ziemlich religiös gefeiert, besonders Brian Andersons Part unterlegt mit Chad Muskas (!) damaligen Digi-Jungle-Exkursionen hat sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Abgesehen von solch urgesteinigen Parts begrüße ich die eher lockeren und verdrehten Ästhetiken von aktuellen Crews wie Palace oder der Pyramid Country Clique, was mich wiederum daran erinnert, dass gerade Danny Brady oder Lucas Puig einfach nie langweilig sein können und einfach extrem augenschmeichlerisch ihre Skateboards bedienen.

bro_emily_eyes

Vielen Dank für deinen Mix! Wie und wo hast du ihn aufgenommen und gab es eine bestimmte Idee dazu?
Der Mix ist auf diversen Sofas liegend oder sitzend mit Kopfhörern in der DAW meines Vertrauens entstanden und beinhaltet auch den ein oder anderen exklusiven Schnipsel, den es eben zur Zeit leider nur digital gibt. Ich glaube, ein mehr oder weniger bewusstes Ziel meiner Mixe ist eigentlich, (im besten Fall) eine Art hörbuch-artigen Charakter zu entwickeln und (achtung: völlig unkitschig gemeint) zum Öffnen des Kopfes, freiem Assoziieren und Tagträumen beziehungsweise Driften einzuladen, plus natürlich Musik die mir selber sehr am Herzen liegt und zu der ich eine gewisse Geistesverwandtschaft empfinde, zu präsentieren. Viele der enthaltenen Stücke knüpfen für mich auch auf entweder sehr schöne oder clevere Art an von mir hoch geschätzte Musik aus anderen Epochen an, wahrscheinlich bietet der Mix selbst auch einen viel besseren und tieferen Einblick als die eigentliche Antwort auf die Frage nach meinen musikalischen Einflüssen.

Wo kann man dich demnächst mal wieder live oder als DJ erleben?
Hmmm, das weiß ich tatsächlich gar nicht so recht, manchmal kommt es vor, dass ich in wechselnden Konstellationen mit einigen meiner musikalischen Mitstreitern (Samz, Grebenstein & Birdy Earns, um diese großartigen Personen namentlich zu nennen) an verschiedenen Orten (dem Weinbergkrug in Kassel oder der Black Lodge in Berlin hauptsächlich) für eine Nacht voll experimenteller Elektronik aus den Plattenkisten der jeweiligen Personen zusammenkomme, aber das passiert eher unregelmäßig, genauso wie meine eher rar gesähten Livesets, das letzte mal passierte dies in der Normal Bar in Kreuzberg Anfang März, anlässlich der Vor-Veröffentlichungsparty meiner “Coded Verbal”-EP. Generell bin ich natürlich dem Livespielen nicht abgeneigt, es passiert nur nicht mehr so häufig zur Zeit.

Broshuda – I Never Had A Sega – Elsewhere (2013)

Worauf können wir uns in naher Zukunft von dir freuen?
Eine weitere EP und eine Split/Kollabo-Geschichte für zwei meiner Lieblingslabels aus London sind fertig beziehungsweise noch im Entstehungsprozess begriffen, da kann und darf ich aber noch nicht wirklich viel mehr zu sagen, außer dass die Kollabo mit einem meiner Lieblingsfrickelhuber und Kontinuumsverdreher Joane Skyler sein wird und so vor sich hin mutiert und zu meiner großen Freude einiges an abseitigem Material generiert. Eine EP für WTF is Swag aus Sofia dürfte noch diesen Monat in Form einer CD ihren Weg in die Welt finden, genauso wie die zweite Edition des Gardens-Reinterpretations-Tapes, veröffentlicht von den wunderbaren jungen Burschen hinter Videogamemusic aus London. Ein Remix für Kit Records´ wirklich traumhaftes Devon Loch Projekt, mehr Beams & Broshuda plus mehr Birdy Earns & Broshuda sowie ein quirlig ambientales Split-Tape mit meinem guten freund Vuptes für Dänemarks Phinery Label und ein ungewöhnlich tanzbarer Beitrag für das CDR-Sublabel von Phinery namens Speaker Footage. Irgendwo dazwischen ist auch vor kurzem eine dunkle und perkussive 4 Track-EP mit meinem lieben Freund Grebenstein entstanden, die noch darauf wartet, gefeinschliffen zu werden.

Tracklist

1. Joane Skyler – Amelia
2. Beatrice Dillon – My Nocturne
3. Minor Science – It´s Raining Today
4. Jeff Witscher – Par T
5. Teresa Winter & Azlee – True
6. Lenta – You Still Come In My Dreams
7. Kinlaw – Ash Drip
8. Konx Om Pax – Annamae
9. J Albert – Prayers
10. Buttechno – Fag Tapes A
11. M/M – Blue Dream
12. Best Available Technology – Priest Astronomers YE Vrsn
13. LFDM – 10 2040_0305
14. John T. Gast – Green
15. Gray – Suicide Hotline
16. Broshuda – Bleak Times / GSV
17. Emeralds – Goes By
18. Lucky Dragons – Actual Reality Excerpt
19. Broshuda – Outline V.I.P.
20. Palmbomen – Leo Danzinger
21. Grebenstein & Broshuda – Untitled
22. Arthur Russell – Losing My Taste For The Night Life

Broshuda kann man auf Soundcloud, Facebook, Bandcamp oder Twitter folgen.
Außerdem mehr als nur einen Blick wert: das Dorkville-Tumblr.