08.04.2013  /  Jan  /  Kategorie: Portraits

Dunkle Drones, metallisches Klirren und ab und zu exzentrisch-warme Flächen: Das Berliner Label Weevil Neighbourhood fällt seit zwei Jahren durch eine sehr eigenständige und homogene Soundästhetik auf. Dabei reichen die aufgezogenen Schubladen von Dub über Techno, Ambient, Drone, Dubstep, Drumandbass, Breaks bis hin zu Field Recordings. Bemerkenswert! Genauso wie die kleinen Auflagen der mühe- und liebevoll gestalteten Schallplatten und Kassetten von Künstlern wie Steven Porter, Repetition/Distract oder Anthone. Hinter Weevil Neighbourhood steckt viel Arbeit und ein Konzept, dass uns Labelgründer und -betreiber Martin Heinze auf Nachfrage erklärt hat.

Hallo Martin. Bitte erkläre doch kurz, was es mit der Weevil Neighbourhood auf sich hat: Seit wann besteht das Label und wie ist es entstanden?
Das Label ist 2011 als Folgeprojekt der Weevil Series entstanden, die ein Jahr zuvor erschien. Die Weevil Series besteht aus drei 12-Inches mit je drei Stücken anonymer Künstler, außerdem sind die Platten drei Entwicklungsstadien einer bestimmten Käfergattung zugeordnet – vom Larvenstadium (LARVA) über die Verpuppung (PUPA) zum erwachsenen Insekt (ADULT). Die Serie fand sehr gute Resonanz und so gab es schnell Überlegungen zu einem Nachfolgeprojekt. Eine Idee war, in größeren zeitlichen Abständen weitere Serien zu veröffentlichen, aber schließlich fiel die Wahl doch auf ein Modell mit regelmäßigen Veröffentlichungen. Wenn man so will, ist die Verknüpfung der Weevil Neighbourhood mit der Weevil Series vom Storytelling her die Vorstellung, dass nach der Entwicklung des Käfer-Protagonisten (der dann auch zum Labellogo wurde) dieser seine Umgebung zunehmend erschließt – deswegen auch ‚Neighbourhood‘: mehr Topologie, Räumlichkeit als zeitliche Abfolge, mehr Tasten und Erkunden als einfach geradeaus marschieren. Seit 2011 sind auf dem Label sechs weitere Platten bzw. Tapes unterschiedlicher Künstler erschienen. Die siebte VÖ erscheint in zwei Wochen. Pro Jahr sind momentan immer drei Veröffentlichungen geplant.

Gibt es eine Art Grundsatz oder Labelphilosophie?
Ja, allerdings. Einerseits steht, wie oben angedeutet, die Idee einer Topologie oder Räumlichkeit im Mittelpunkt – das äußert sich z.B. darin, dass die Platten keine Katalognummern haben, sondern alternativ Namen bekommen. Diese Namen sind z.B. Ereignisse, Tools oder Zustandsbeschreibungen innerhalb der ‚Neighbourhood‘, die sich auch inhaltlich verknüpfen lassen, aber nicht zeitlich als Abfolge. Andererseits spielt die Idee von Begrenztheit, Beschränkung und konstantem Verfall eine enorm wichtige Rolle. Ausdruck hiervon sind z.B. die teils strenge Limitierung der analogen Tonträger oder der Verzicht auf ergänzende digitale Formate der Releases. Ohne das Thema Verfall dabei überstrapazieren zu wollen, finde ich es sehr reizvoll, gezielt mit der Veränderbarkeit oder Formbarkeit von Material und Materialität zu arbeiten. Irgendwo habe ich gelesen, dass man mit jedem Aufsetzen der Nadel auf einer Schallplatte nicht nur die Musik darauf ‚abreibt‘, sondern gleichzeitig immer auch einen Teil der eigenen Geschichte darauf schreibt. Ich finde das einen sehr reizvollen Gedanken, gerade angesichts aktueller Shifts, die Materialität eher verdrängen.

Der gesamte Output der Weevil Neighbourhood klingt sehr homogen – im positiven Sinne. Man erkennt das Label wieder. Wie schaffst du das?
Es ist schön, dass das so wahrgenommen wird. Ich denke, das liegt am Klangcharakter der Stücke – es gibt einfach verbindende Elemente in all den Genres, die das Label abbildet und zwar jenseits enger Korsagen wie z.B. Tempo. Es ist klar ein Hang zum Düsteren, Traurigen und Introvertierten da, aber auch eine gewisse Affinität gegenüber Dreck, Dichte und Massivität; Kontrolle und Kontrollverlust spielen auch eine große Rolle – das sind aus meiner Sicht die wesentlichen ästhetischen Kriterien für Weevil Neighbourhood.

Wie finden die Künstler zum Label bzw. wie findest du die Künstler?
Demos kommen inzwischen viele rein, aber die meisten passen stilistisch nicht zum Label, auch wenn für Außenstehende die Schnittmenge doch recht groß zu sein scheint. Die Künstler, die bisher veröffentlicht haben, kenne und schätze ich persönlich oder habe ich organisch über Veröffentlichungen auf anderen Labels gefunden.

Ihr veröffentlicht teils anonyme, handgestempelte und ohne Coverartwork versehene Platten oder gebt eine limitierte Sonderedition mit sehr aufwändigem Artwork heraus. Irgendwie so ein Berliner Ding, oder?
Ja, wahrscheinlich. Zumindest bin ich das erste mal hier damit in Berührung gekommen. Diese Art und Weise des Labelmachens bringt einige interessante Effekte mit sich. Durch die Anonymisierung mancher Künstler verschiebt sich zum einen die Aufmerksamkeit stark in Richtung Musik. Die Handarbeit, die zusätzlich zur Herstellung der Tonträger investiert wird, empfinde ich ebenfalls als Wertschätzung gegenüber der Musik, die sich auf dem Tonträger befindet. Die Einzigartigkeit jedes der Tonträger wird damit hervorgehoben – irgendwie sieht am Ende keiner wie der andere aus und bekommt so etwas wie eine Identität. Ich finde diese Vorstellung sehr charmant. Die Artwork Editions auf Weevil Neighbourhood, die nicht über die Läden laufen, sondern nur direkt bezogen werden können, sind darüber hinaus einfach ein Dankeschön an die zunehmende Zahl der Labelfans und Direktbesteller, die mit ihrem Support das Projekt zu einem guten Teil tragen.

Keine CDs, keine Files – nur wenige Kassetten und Vinyl. Warum die Verknappung und der Hang zum Analogen?
Die Verknappung hängt klar mit der Labelphilosophie zusammen: Flüchtigkeit, Verfall, Informations- und Kontrollverlust. Der Hang zum Analogen ist damit natürlich verknüpft. Der Effekt dieser Strategie ist ein erhöhter Aufwand beim Konsumieren, man könnte also auch sagen: es gibt einen Hang zum Aufwendigen. Wer an die Information (Musik) heran will, der muss unzeitgemäß viel Aufwand betreiben und kann dann noch nicht einmal überall über diese Information verfügen – z.B. eine Schallplatte zu Hause auflegen zu müssen und sie nicht unterwegs anhören zu können: das ist in Zeiten von Spotify und Co einfach anachronistisch. Diese Sperrigkeit zelebriert das Label auch konsequenter als andere Labels, die ihre analogen Tonträger mit Download-Codes versehen. Der Tonträger wird dabei zum völlig funktionslosen Ding gemacht und der Musikkonsum findet völlig losgelöst von ihm statt – ein total absurdes Phänomen.

Im Netz findet man Hinweise darauf, dass die Weevil Neighbourhood im Moment nur als Label fungiert – jedoch alles mögliche werden bzw. hervorbringen kann. Gibt es da schon konkrete Pläne?
Das ist richtig. Ich möchte mir Content und Formate damit offen halten. Warum nur Platten und Tapes, warum nicht auch andere (physikalische) Produkte? Texte, Bilder usw. sollen idealiter hier auch Platz finden; fiktive Kunstfiguren gehören auch dazu, angedacht sind auch Events, zeitlich-räumlich noch enger begrenzte Ereignisse usw. – einfach alles, was die ‚Neighbourhood‘ als Topologie bereichert. Es gibt tatsächlich konkretere Pläne für diese Formate, aber solange deren Umsetzung noch nicht 100%ig geklärt ist, mag ich mich hier eher bedeckt halten.

Okay, dann bleiben wir gespannt! Vielen Dank für das Gespräch.