27.11.2017  /  Sascha  /  Kategorie: Platten packen

Vor dem Gig ist nach dem Gig. Denn neben Skills, Geschmack und der Selektion zählt beim Auflegen auch in digitalen DJ-Zeiten immer noch eine gute Vorbereitung. Deshalb wollen wir mit drei DJs – vom Vinyl-Enthusiasten bis hin zum reinen Digi-DJ – darüber reden, wie sie sich auf eine Nacht vorbereiten. Den Anfang machte Ende September Leibniz.

Sarah Farina

Für die zweite Ausgabe unserer „Platten packen“-Reihe sprachen wir dieses Mal mit Sarah Farina, die uns vor zweieinhalb Jahren bereits einen herrlich warm wummernden Ashorecast bescherte und jetzt Rede und Antwort zu der Vorbereitung auf ihre Gigs stand. Dafür trafen wir uns im Oktober im Cafe Übersee in Berlin-Kreuzberg, eine Woche vor ihrem nächsten Gig. Davon spielt sie etwa fünf bis acht pro Monat, ist zudem Mitbetreiberin von Through My Speakers und hostet mit Uta und Kepler regelmäßig die Rec Room-Partys im Ohm. Ein Gespräch rund um die ständige Suche nach neuer Musik, die Ordnung im digitalen Musik-Wirrwarr und warum Sarah Farina eher in Farben als Genres denkt.

Sarah, wann und wo wirst du das nächste Mal auflegen?
Das ist jetzt am Freitag in Hamburg bei der Waters-Party von Tereza im Kleinen Donner. Ich war noch nie dort, aber die Venue soll eher klein sein, was ich gut finde, das ist besser für den Vibe. Ich spiele nach Terezas Warm-up und kann so lange machen, wie ich will. Aber meistens lege ich nicht länger als zwei Stunden auf, weil mir bewusst ist, wie energetisch die Musik ist, das kann dann auch zu viel sein. Das ist einfach ein anderes Energielevel als bei einer Party, wo die ganze Nacht House bei 120 BPM läuft. Bei der Musik, die ich auflege, kann es auch früher vorbei sein, aber das ist okay. Lieber kurz, aber dafür gut.

Du hast noch eine Woche Zeit. Hast du dich trotzdem schon auf den Auftritt vorbereitet?
Noch nicht so wirklich. Und zugegeben, aller paar Monate habe ich so eine Art DJ-Depression, wo ich nichts mehr finde, was mich berührt, so wie gerade. Ich bin einfach immer auf der Suche nach Tracks wie „Uh“ von Kode9 zum Beispiel. Das ist natürlich ein mega hoher Maßstab, also solche Tracks immer wieder zu finden, denn die machen deine Sets ja aus. Ich habe das Gefühl, umso länger man sich mit Musik beschäftigt, desto weiter entwickelt sich der eigene Geschmack und wird immer spezifischer. Manchmal fühlt sich das dann so an, als ob der Musikhorizont kleiner wird dadurch. Aber dann muss man einfach wieder Energie und Zeit ins Diggen stecken.

Sarah Farina

Wie sieht das dann bei dir genau aus?
Dann gehe ich in den Plattenladen und höre mir dort ein paar Sachen an, weil ich nicht vor dem Computer sitzen will. Wenn ich faul bin, gehe ich aber auch einfach online zu Hard Wax und höre das dort, geht ja auch. Daneben sind noch Boomkat und Juno meine Favoriten. Ich höre mir auch gerne Boiler Room-Sets von anderen DJs an, wenn ich es selbst nicht schaffe wegzugehen. Außerdem habe ich mehrere Dropbox-Ordner mit Freunden, wo wir uns Sachen teilen. Freunde schicken mir außerdem neue Musik, was cool ist. Also dass ich deren Musik dann spielen kann, das hat ja auch wieder etwas exklusives. Ich will mich immer mit neuen Sachen beschäftigen, denn als DJ hörst du deine Tracks ja am meisten. Dann besteht die Gefahr, dass du dir die Sachen satt hörst. Dann spielst du zum Beispiel einen Tag in Hamburg, und am nächsten in Malmö. Und die haben die Tracks vielleicht noch nie gehört, aber für dich ist das so: Boah, ich kann die jetzt nicht schon wieder spielen. Was ja auch total doof ist, manchmal. Denn das ist ja eher ein persönliches Problem, aber man will ja selbst auch noch Spaß haben beim Auflegen. Ich kann nicht jedes Mal ein komplett neues Set vorbereiten, das geht nicht. Aber im besten Fall habe ich immer so drei bis fünf neue Tracks in einem Set, die ich dann testen kann, neben den Klassikern, die ich dann wiederentdecke und in neue Zusammenhänge setze.

Wie bereitest du dich in der Regel auf einen Auftritt vor?
Das hängt ein bisschen von meiner Laune ab, denn zu viel vorm Computer sitzen kann auch anstrengend sein. Ich bin ja auch selbstständig und mache schon viel Arbeit am Rechner für Through My Speakers. Aber in der Regel gehe ich zu Juno oder Boomkat und schaue mir die neuesten Releases an. Oder bei Juno gibt es auch DJ-Charts, die manchmal ganz interessant sind. Ansonsten gehe ich auch gerne in meine alten Histories, die ich mir gespeichert habe, also Sets, die ich mal gespielt habe, wo ich mich erinnern kann, was für ein Vibe da war. In den Histories kann ich auch sehen, wann sich eine besonders gute Kombi ergeben hat, da mache ich auch schonmal einen Screenshot oder schaue später nochmal rein, zum Beispiel als Inspiration für ein neues Mixtape.
Außerdem strukturiere ich meine Sets auch ganz gerne, wenn ich Headliner bin. Dann starte ich oft so zwischen 120 und 130 BPM, gehe dann weiter zu Dub und anschließend so in die Juke- und Jungle-Richtung mit etwa 160 BPM. So habe ich mein Set vor Augen, diese drei Parts. Manchmal starte ich aber auch bei 140 BPM, je nachdem.

Sarah Farina Laptop

Welche Software nutzt du beim Auflegen?
Traktor von Native Instruments. Seit einiger Zeit lege ich auch hin und wieder mit den CDJs von Pioneer auf. Ich finde das super, auch wenn es natürlich ein bisschen lazy ist, nur mit Headphones und USB-Sticks in den Club zu gehen, aber auch sehr angenehm. Aber Rekordbox mag ich nicht so sehr, weil ich Traktor viel zu gut finde. Ich bin es gewohnt, die Tracks dort zu gridden, die genauen BPM zu kennen, Cue-Punkte und Loops zu setzen. Bei Rekordbox geht das auch, aber ich finde es dort etwas umständlicher.

Und womit steuerst du Traktor?
Meistens benutze ich den X1 von Native Instruments, diesen ganz kleinen Controller. Den habe ich damals über Alex (Dröner) von den Sick Girls entdeckt. Ich habe auch noch andere Sachen von Native probiert, zum Beispiel die D2-Controller, die sind ein bisschen größer, da kannst du auch Stems spielen, also mit den einzelnen Spuren von Tracks.

Geht das auch mit normalen Musikdateien?
Nein, du kannst bestimmte Tracks als Stems kaufen, also die einzelnen Spuren. Dann kannst du so eine Art Live-Mix machen. Vor allem für Techno-DJs ist das interessant, weil sich da viel layern lässt, Acappellas, Basslines, Hi-Hats und so weiter. Aber das ganze Setup D2 dann mit in den Club zu bringen, ist natürlich auch nochmal mehr Aufwand.

Sarah Farina

Wie organisierst du deine Musik?
Neue Tracks, ob gekaufte oder die von Freunden, höre ich erstmal in iTunes an. Dort erstelle ich dann so meine Playlisten, die sich dann in Rekordbox und so weiter importieren lassen. Ich arbeite viel mit Playlisten, für jeden Auftritt eine neue. Als erstes suche ich mir dann die Tracks raus, die ich unbedingt dabei haben will, die mir direkt einfallen. Da sind auch so ein paar Signature-Tracks dabei. Ganz wichtig sind auch Tools, also Tracks mit denen man eine Brücke zwischen den drei genannten Parts schlagen kann. Wie kann ich zum Beispiel von Dub auf Jungle kommen? Mache ich das Schritt für Schritt, so fünf Tracks, bis ich bei der BPM bin, oder suche ich mir einen Track, den ich dann auf einmal im Tempo hochziehen kann? Generell denke ich gar nicht so sehr in Genres, sondern viel mehr in BPM. Mein Gehirn funktioniert eher in Vibes und Wahrnehmungen, bestimmte Tracks haben auch Farben für mich. Alle paar Monate endet das auch in Chaos auf meiner Festplatte. Aber dann muss ich mich halt nochmal mit meiner Musik auseinandersetzen, die neu ein- und auch wieder aussortieren, das ist auch super.

Wie viele Tracks landen am Ende in so einer Playlist pro Auftritt?
Ich habe gemerkt, dass ich schon recht viele Tracks im Vergleich zu anderen spiele, weil die Übergänge manchmal etwas schneller passieren. Andere spielen 20 Tracks pro Stunde, bei mir werden das gerne mal 30 oder mehr. Das hat sich einfach so entwickelt. Am Ende sind es dann immer so 40 bis 60 Tracks pro Playlist.

Theoretisch könntest du also immer deine komplette Musiksammlung dabei haben.
Habe ich auch!

Das heißt, du hast jederzeit genug Tracks in der Hinterhand.
Genau! Es gibt ja genügend Dinge, die am Auflegen mit dem Laptop nerven. Wenn die Technik spinnt und so weiter, alles schon gehabt. Aber Möglichkeiten wie diese sind halt super. Und ich merke schon manchmal einen Unterschied gegenüber dem Auflegen mit dem USB-Stick. In Traktor finde ich zum Beispiel über die Suchfunktion die Tracks viel schneller, kann so einfach besser reagieren. Auf den CDJs muss ich eine andere Ordner-Struktur nutzen. Es gibt sicherlich Leute, die mega schnell durch all ihre Tracks scrollen können, ich gehöre nicht dazu. Ich muss erst noch die Zeit finden, eine USB-freundliche Ordnerstruktur zu bauen.

Legst du eigentlich hin und wieder auch zu Hause zum Üben auf?
Das ist lustig, dass du das fragst. Ich hatte nie das Geld für einen DJ-Mixer oder ein Club-Setup für zu Hause. Klar, ich könnte mir ein billiges Setup holen, aber ich will schon was richtig gutes. Einen Pioneer-Mixer, CDJs, eine gute Anlage. Das kostet ja richtig Geld, und das habe ich bis heute nicht. Viele vergessen das, aber Platten sammeln, Plattenspieler haben, Mixer und so weiter, das ist voll das Privileg. Da sind solche Programme für den Laptop natürlich super, und sei es am Anfang eine Demo-Version von Traktor. Natürlich checke ich zuhause schon mal, welche Tracks zusammenpassen. Aber erst im Club kann ich schauen, wie die Tracks wirklich klingen. Ich habe den S2- und den X1-Controller, aber mein Laptop reicht zur Vorbereitung eigentlich. Also so richtig üben ist das nicht, eher grob vorbereiten.

Sarah Farina Studio

Gibt es Tracks, die sehr häufig in deinen Sets auftauchen?
Auf jeden Fall, es gibt Tracks, die begleiten mich seit etlichen Jahren. Zum Beispiel „Skeng“ von The Bug oder fast alles von DJ Rashad. „You Don’t Love Me (No, No, No)“ von Dawn Penn ist auch so ein ganz spezieller Song.

Wie sieht dein Tech Rider aus?
Der ist sehr simpel, weil ich ja das meiste mitbringe, was ich brauche. Ich möchte den DJM-900 von Pioneer, und stehe am liebsten links vom Mixer. Ich mag es sehr dunkel, am liebsten gar kein Licht beim DJ-Pult. Toll ist es auch, auf einer Höhe mit den Leuten zu stehen, aber das kann man ja schwer in den Rider schreiben. Ansonsten eine sublastige Anlage, gute Monitorboxen, Wasser und nette Menschen, die ab und an mal vorbeischauen und schauen, ob alles ok ist, das war es.

Hast du eine Art Ritual vorm Auflegen?
Ich bin gerne eine Stunde vorher da, um den Vibe zu catchen und ein Gefühl für den Club zu bekommen. Und ich stehe auf Räucherstäbchen. Das ist kein Muss, aber ich finde das super angenehm. Sowohl im Backstage als auch auf der Bühne. Dann trinke ich noch ein Wasser, aber das war es dann auch, sonst gibt’s da keine großen Rituale.

Sarah Farina

Angenommen du spielst um 5 Uhr morgens oder so, schläfst du dann vor oder bleibst einfach wach bis zu deinem Set?
Das passiert hin und wieder in Berlin, hier spiele ich nicht so oft als Headliner und habe daher andere Spielzeiten. Vorschlafen ist nicht so mein Ding, dann nochmal in den Partymodus zu kommen, das ist gar nicht so leicht. Ich habe dann auch keinen wirklich ruhigen Schlaf, weil ich weiß, ich muss noch arbeiten. Und dann in diese Clubwelt einzutauchen, wenn du ein paar Stunden vorher noch gedöst hast, schwierig. Ich bin ja auch immer nüchtern, daher kann das manchmal ein intensiver Kontrast sein. Also lieber einfach durchmachen, falls irgendwie möglich. Einen Podcast hören, ein bisschen entspannen, das funktioniert für mich.

Hast du eigentlich noch Lampenfieber?
Doch, auf jeden Fall. Mal mehr, mal weniger, aber ich habe beim Auflegen noch nie so eine Art Gleichgültigkeit gespürt, das ist gut, denn das ist mir eben wichtig. Besonders als Headliner sind immer die ersten Minuten besonders spannend. Ob die Crowd mitmacht oder du den Dancefloor leerst, das kann ja passieren. Aber das ist jetzt nicht so wild, dass es mich belasten würde, eher so eine Art positive Aufregung. Natürlich bin ich weniger aufgeregt, wenn ich den Club schon kenne oder der Vibe ohnehin gut ist. Einmal tief ein- und ausatmen hilft definitiv auch.

Letzte Frage: Warm-up, Peak Time oder Closing?
Auf jeden Fall die Peaktime. Das Warm-up mag ich auch, da ist das Timing verdammt wichtig. Beziehungsweise wo du die Leute energetisch mit deiner Musik hinführst. Das Closing ist auch klasse, denn es ist ein Privileg, das letzte bisschen Energie aus den Leuten rauszuziehen und sie mit deinem Vibe nach Hause zu schicken. Aber klar, Peak Time ist schon am ehesten mein Ding, da fällt mir inzwischen auch die Vorbereitung am einfachsten. Ich liebe diese Energie!


Bald spielt Sarah Farina u. a. im Helios 37 in Köln, in der Grießmühle in Berlin und im Melkweg in Amsterdam. Alle weiteren Infos & Dates findet ihr auf ihrer Facebook-Seite.

Fotos: Guarionex Rodriguez Jr., Robert Sieg, Camille Blake, Kate Kuklinski & Sarah Farina