30.09.2017  /  Sascha  /  Kategorie: Platten packen

Vor dem Gig ist nach dem Gig. Denn neben Skills, Geschmack und der Selektion zählt beim Auflegen auch in digitalen DJ-Zeiten immer noch eine gute Vorbereitung. Deshalb wollen wir mit fünf DJs – vom Vinyl-Enthusiasten bis hin zum reinen Digi-DJ – darüber reden, wie sie sich auf eine Nacht vorbereiten. Den Anfang macht Leibniz, der den meisten Besuchern dieses Blogs längst kein Fremder mehr sein sollte. Der Wahlberliner veröffentlichte zuletzt auf Rat Life oder PH17, betreibt mit Freunden das Label hundert und spielt heute Nacht ein vierstündiges DJ-Set in der Grießmühle in Berlin – gestern haben wir uns getroffen und darüber gesprochen, wie er sich auf diesen und seine sonstigen Auftritte vorbereitet.

Leibniz

Moritz, wann und wo wirst du das nächste Mal auflegen?
Das ist morgen, also am Samstag, hier in Berlin bei der Veranstaltungsreihe Mother’s Finest in der Grießmühle in Neukölln.

Um welche Uhrzeit wirst du spielen und wie lange?
Ich bin Samstagnacht von 1 bis 5 Uhr dran, also vier Stunden lang, und ich spiele im Silo, also auf dem Floor unten.

Hast du schon angefangen zu packen?
Nö, das passiert dann morgen.

Leibniz DJ-Pult

Aber ein DJ-Set über vier Stunden ist doch schon noch etwas Besonderes, oder? Fängst du da nicht etwas eher mit der Vorbereitung an?
Ich finde, vier Stunden sind voll okay, vor allem wenn man, wie ich morgen, von Anfang an spielt und quasi ein Warm-up für sich selbst machen kann. Der Floor öffnet ja erst um 1 Uhr, da spielt niemand vorher und ich kann von Anfang an sagen, wo es hingehen soll. Wenn man eher am Ende einer Nacht spielt, dann finde ich es schwerer, weil man nicht weiß, was davor passiert, wie die Stimmung ist und so weiter. Am Anfang, vor allem in der ersten Stunde, kann man dagegen alles spielen, so Sachen, die man gerne mag, die sich um die 100 statt direkt 120 BPM bewegen. Ich plane dann auch immer ein bisschen thematisch, so ganz grob, was in den ersten ein oder zwei Stunden passieren könnte.

Wie viele Platten wirst du morgen ungefähr mitnehmen?
Ich versuche immer möglichst wenig Platten mitzunehmen. Wenn ich zu viele Sachen mithabe, wird es für mich zu schnell unübersichtlich, und man zwingt sich auch, dann einfach alle Platten, die man dabei hat, zu spielen. Und wenn ich doch mal keine Platte finde, die in dem Moment passt, habe ich ja immer noch den USB-Stick. Es kommt auch vor, dass ich manchmal einfach nur 20 Platten dabei habe, selbst damit bekommt ja locker anderthalb bis zwei Stunden gefüllt.

Bist du eher der Last-Minute-Packer oder planst du auch mal lange im Voraus?
Kommt auf den Gig drauf an. Manchmal weiss man ja, dass es dort eine super gute Anlage gibt. Dann packe ich früher, weil ich richtig Bock habe, bestimmte Platten zu spielen. Ansonsten mache ich das meistens am Tag des Auflegens. Ich brauche dazu meist recht lange. Schon so anderthalb Stunden. Platten packen macht mir aber auch Spaß. Oft ufert das ganze auch so ein bisschen aus und ich höre einfach noch ’ne Stunde Musik. Neue Platten habe ich oft nur im Laden gehört und nehme sie dann einfach mit auf den Gig. Das ist spannend, die dann im Club zu hören.

Legst du noch zuhause ab und an zum Üben auf?
Zum Üben setze ich mir kleine Aufgaben. Zum Beispiel die zehn Juke-Platten, die ich besitze, und meine Drum Machine möglichst schnell mixen. Das ist dann wie so ein Drum-Machine-Live-Jam mit Platten. Das klingt dann zwar auch schon mal echt grauenhaft, weil man zwei Platten und die Drum Machine auf 160 BPM beatmatched, aber es ist gut zum Üben und macht mir Spaß. Vom Prinzip her habe ich das mal bei John Heckle gesehen, da war’s natürlich unfassbar gut. Seitdem würde ich das eigentlich auch gerne mal so machen. Ansonsten höre ich natürlich Platten daheim, aber ich mixe nicht wirklich wie im Club. Die Situation ist einfach anders zuhause.

Leibniz

Wie oft spielst du derzeit so in etwa pro Monat? Und packst du für jedes DJ-Set deine Plattentasche samt USB-Sticks neu oder ähneln sich deine Gigs auch schonmal ein wenig?
Im Moment sind es meistens es so vier bis fünf Gigs im Monat. Davon ist dann bestimmt auch mindestens ein Gig live und kein DJ-Set. Die Sets sind schon meistens sehr unterschiedlich, da ich kein reiner Techno-, House- oder Sonstwas-DJ bin. Ich sehe mich mehr als Selektor, weniger als ein reiner DJ. Ich möchte den Leuten Musik näher bringen, die ich spannend finde und nicht nur House- an House-Track beatmatchen. Es kommt auch drauf an, wo ich auflege. Haben die da ein riesengroßes Soundsystem, dann spiele ich eben auch Soundsystem-Musik.

Womit legst du auf? Und nutzt du Rekordbox?
Ich lege mit CDJs und Plattenspielern auf. In letzter Zeit habe ich wohl so 65% USB und 35% Platten gespielt. Das unterscheidet sich aber auch von Set zu Set. Und ja, ich überspiele einfach meine iTunes-Playlisten zu Rekordbox. Vor jedem Gig mache ich eine neue Playlist, gehe nochmal durch, was so neu reingekommen ist. Da doppelt sich dann auch vieles, aber ich schaue schon vor jeder Party nochmal, was ich in genau dieser Nacht spielen möchte. Dazu kommen dann noch ein paar allgemeine Genre-Playlisten, Techno oder was auch immer, meist nach Monaten sortiert.

Leibniz

Wie ist deine Plattensammlung sortiert? Und wie sammelst du Files?
Meine Plattensammlung ist nicht allzu groß. Die Platten sind teilweise thematisch geordnet. Meistens so: House – Techno – Breakbeat – Jungle / Juke – Ambient/Abstract – Weltmusik – Pop – „Plattenkoffer vom Gig“. Das ist aber nur sehr grob. Von manchen Labels habe ich dann mehrere Platten, die stehen dann natürlich nebeneinander. Ich verwalte die Files in iTunes. Da erstelle ich dann Playlisten, die entweder einem Genre oder einem bestimmten Gig gewidmet sind.

Gibt es Platten, die deine Tasche nie oder nur wirklich selten verlassen?
Haha, ja! Oh man, manchmal spiele ich so eine Platte und denke dann zu mir: „Echt, jetzt schon wieder?“ Die OAR004 von Oni Ayhun ist auf jeden Fall eine davon. Ansonsten habe ich immer die X-101 mit „Sonic Destroyer“ dabei. Nur falls es den Moment geben sollte. Die spiele ich dann nur ganz selten, aber falls es so einen euphorischen Augenblick geben sollte, habe ich sie dabei. Ansonsten packe ich immer die Platten, die mir im Moment eben am besten gefallen. Das sind meistens die Platten, die ich zuletzt gekauft habe. Ich denke, ich spiele nie das selbe Set zweimal, aber das macht ja eh niemand, oder? Ich versuche es für mich und die Zuhörer spannend zu machen.

Leibniz

Was findest du leichter, sich auf ein DJ- oder ein Live-Set vorzubereiten?
Definitiv auf ein DJ-Set. Du hast mehr Zeit, kannst gucken, wie die Leute drauf sind, und du kannst viel besser darauf reagieren, wenn du ein bisschen breiter gepackt hast. Und man merkt, hier funktioniert gerade kein schnelles Techno-Geprügel, kann man halt einfach Disco spielen. Während ich beim Live-Set ja meist eine Stunde habe, und wenn der Typ vor mir Industrial-Techno spielt, dann ist da halt ein Bruch, genauso wie wenn er Deep House aufgelegt hätte. Und das macht’s als Live-Act ganz schön schwierig. Ich kann da auch live in einem gewissen Rahmen drauf reagieren, aber niemals so schnell und flexibel wie bei einem DJ-Set. Das heißt auch, dass ich mich auf ein Live-Set viel länger vorbereite.

Hast du einen Tech-Rider? Was klappt davon immer, was nur selten?
Ja, ich habe einen Tech-Rider. Da steht aber nichts wirklich besonderes drin. Zwei Linked-USB-CDJs und zwei Technics 1210 mit Ersatzssystemen. Wenn es etwas anderes als die typischen Xone- und DJM-Mixer dasteht, wäre es schön, das vorher zu wissen. Besonders wichtig ist mir die Qualität des Soundsystems und des Monitorings. Wenn das schlecht ist, hilft kein Mixer der Welt. Manchmal gibt’s Feedbackprobleme mit den Plattenspielern. Das ist dann wirklich nervig.

Pflegst du irgendein Ritual vor dem Auflegen?
Ich hole tief Luft. Schließe die Augen. Setze meine Nike Cap auf. Atme langsam aus und stelle mir vor, ich wäre DJ EZ.

Hast du ab und an noch Lampenfieber – und falls ja, was machst du dagegen?
Ja, habe ich. Aber vor allem wenn ich live spiele. Seine eigene Musik vor einem Publikum zu spielen ist wesentlich intimer. Außerdem kann da einfach mehr schief gehen. Dagegen hilft eigentlich nur tief einatmen und sich wieder vorstellen, dass man DJ EZ ist.

Letzte Frage: Warm-up, Peak Time oder Closing – wann fällt das Packen am leichtesten?
Das kann ich nicht sagen. Es fällt mir meistens eher leicht, Platten zu packen. Schwierig ist es vor allem dann, wenn man nicht genau weiß, was einen erwartet. Aber das ist auch gut, so wird es zumindest spannend.

Fotos: Sascha Uhlig