04.01.2017  /  Sascha  /  Kategorie: Portraits

Monday Edition, Kali Avaaz und Arsy. Unter anderem sie waren es, die mich durch ihre Mixe für From Halle With Love auf die Podcastreihe aus der Stadt an der Saale aufmerksam machten. Seit drei Jahren präsentieren Paul Rewind und Micha Hübel unter dem FHWL-Banner regelmäßig Podcasts von DJs und Produzenten aus der Region Halle, Leipzig, Mitteldeutschland. Anfang 2016 wurde From Halle With Love zudem um einen Blog erweitert, auf dem Projekte rund um die elektronische Musik aus der Region vorgestellt werden. Im vergangenen Monat gingen sie noch einen Schritt weiter und veröffentlichten mit Various Artists Nr. 1 ihre erste, stilistisch breit gefächerte Compilation – nicht nur digital via Bandcamp, sondern zudem ganz klassisch auf Kassette. Scheint ganz so, als geht da was in Halle! Wir haben uns mit Micha und Paul von From Halle With Love über ihre erste Compilation, die Szene in Halle sowie ihre Pläne für das neue Jahr unterhalten.

Micha und Paul, der Sound eurer neuen Compilation ist recht vielseitig und reicht von klassischem Dub über Ambient, hier wird etwas gefrickelt, dort wird es fast ein wenig trancy. War das von Anfang an so geplant oder hat sich diese Vielfalt erst durch die Einreichungen der Künstler ergeben?

FHWL: Die Vielfalt hat sich wirklich erst ergeben, als wir alle Tracks beisammen hatten. Mit den Anfragen an die Künstler war uns schon irgendwie klar, dass wir keine Compilation liefern werden, die komplett straight einer Musikrichtung folgt. Dass es aber so vielfältig wird, hätten selbst wir nicht gedacht – und gerade das macht es so spannend und zeigt halt, was in und um Halle passiert. Als wir die Tracks bekamen, gab es schon kurz mal Gänsehaut. Wir hatten dann eine gewisse Auswahl an Titeln und dadurch auch die Möglichkeit, das ganze etwas zu lenken und zu kuratieren. Wir haben uns die Stücke herausgesucht, die uns am besten gefallen haben und unserer Meinung nach die größtmögliche Vielseitigkeit widerspiegeln.

Stammen alle Künstler auf dem Tape aus Halle oder wie ist deren Verbindung zu der Stadt und eurem Projekt? Und bietet Halle derzeit genug Potential für eine weitere Ausgabe – falls diese nicht sogar bereits in Planung ist.

FHWL Tape

Micha: Ein Teil stammt aus Halle und der andere ist entweder hinzugezogen oder mittlerweile schon weitergereist. Uns war und ist schon wichtig, dass die Künstler alle eine besondere Verbindung zur Stadt haben – für John Horton zum Beispiel war Halle eine Art Zwischenstation, mittlerweile lebt er in Leipzig aber seine Crew Time To Get Lost ist in Halle verortet und veranstaltet auch hier. Also gehört John irgendwie immer noch nach Halle. Janein ist gebürtiger Leipziger und auch seine Crew, die Station Endlos, kommt aus Halle. Paul Rewind und sub.made kennen sich seit Jahren und sind gute Freunde. Musikalisch ist sub.made eine unglaubliche Bereicherung für die Stadt. Es war genauso klar, ihn auf das Tape zu nehmen, wie Prismic, der auf Grund seines Studiums nach Halle zog und mittlerweile echt nicht mehr aus der Szene wegzudenken ist. Philipp Harms ist irgendwie so die Neuentdeckung 2016 für mich. Er legt unglaublich sauber auf und hat eine Trackauswahl, die einfach jedes Mal on point ist. Tim Rosenbaum wohnt mittlerweile auch in Halle und sein Name steht für Musik, die überrascht. Irgendwie war nicht ganz klar, was von ihm kommt und dann liefert er so ein Brett. Wie man sieht, geht in Halle einiges. Auch weitab von größeren Acts wie Monkey Safari und Super Flu, die durch ihr Schaffen unglaublich viel Aufmerksamkeit auf die Stadt gelenkt haben. Uns war es ein Anliegen, Künstler auf einer Compilation zu bündeln, die nicht so in der Öffentlichkeit stehen und damit das Potential dieser Stadt und der Szene aufzuzeigen. Ich denke, das haben wir dank der Künstler ganz gut hinbekommen.

Paul Rewind – Licht – Various Artists Nr. 1 – From Halle With Love (2016)

Paul: Eigentlich bin ich selbst gebürtiger Leipziger und lebe nun seit etwa zehn Jahren in Halle. Daher habe ich einen großen Bezug zu meiner Heimatstadt und zu Halle. Unser Projekt bezieht sich nicht nur auf Halle, sondern blickt auch in die Nachbarstädte und Umgebung. Das ist auch der Grund, warum zum Beispiel in unserem Logo ein Gedankenstrich als verbindendes Element zwischen HAL (Halle) und LE (Leipzig) steht. Es geht nicht so sehr darum, ob jemand aus Halle kommt. Vielmehr geht es um den Einfluss auf die hiesige Musiklandschaft und den Diskurs einer Region.

FHWL Print

Wie seid ihr darauf gekommen, die Compilation nicht nur auf Bandcamp, sondern auch als Tape zu veröffentlichen? Das Format hatte zuletzt zwar ein kleines Comeback, aber gibt es überhaupt genug potentielle Hörer? Und ist auch etwas auf Vinyl geplant?

Micha: Wir fanden die Idee super – drauf gekommen sind wir unabhängig voneinander. Ich persönlich durch Tim Rosenbaum, der auf seinem kleinen und sehr feinen Label Knackless selbst ein Tape rausbrachte. Ich bekam eins geschenkt und war sofort wieder in meiner Jugend, kaufte mir einen Kassettenrekorder und hörte mir sein Tape an. Das Rauschen, das Rückspulen und dass die Play- und Stoptaste nicht ein Knopf sind – genial! Außerdem ist das Tape ein Medium mit Charakter: man kann es mit einer Hand umschließen. Es muss vorsichtig behandelt werden, damit man keinen Bandsalat bekommt, man muss es umdrehen, wenn Seite A durchgelaufen ist. Und es rauscht. Einfach genau sowas macht das Tape besonders und die Leute legen immer wieder mehr Wert auf genau solche Dinge – analoges Material. Wobei ein USB-Stick niemals dem gerecht geworden wäre, was wir eigentlich machen. Paul, der das komplette Artwork für das Projekt macht, legt sehr viel wert auf die Details und ein USB-Stick bietet keinen Spielraum dafür. Etwas auf Vinyl zu bringen, wäre schon was schönes. Auch wenn es einen unglaublichen Hype darum gibt, der schon sehr nerven kann, ist Vinyl einfach etwas Geniales.

Paul: Den Gedanken, ein Tape zu machen, hatte ich schon länger, jedoch ergab es sich erst jetzt mit einer Vielzahl an Künstlern, um so ein Tape auch mit genügend Spielzeit und einer größeren Bandbreite an Genres zu füllen. Uns war es wichtig, nicht nur Digital zu releasen, sondern auch etwas zu machen, das bleibt und greifbar ist. Sicher hätten wir auch eine CD oder Vinyl machen können, jedoch wollten wir uns für den Anfang vorsichtig herantasten und die Reaktionen abwarten.

Wie steht es eurer Meinung nach um die elektronische Musikszene von Halle derzeit allgemein – Clubs, Producer, DJs und Labels. Tut sich da ähnlich viel wie in der Nachbarstadt Leipzig, gibt es neue spannende Entwicklungen oder Dinge, die ihr gerne ändern würdet?

Micha: Wir haben beide irgendwie den direkten Draht zur elektronische Musikszene: Paul als VJ und DJ, ich habe drei Jahre lang unter anderem das Booking im Charles Bronson gemacht und natürlich durch From Halle With Love. Grundsätzlich kann man beide Städte schwer vergleichen, auch wenn sie nur 30 Kilometer auseinander liegen, ist die musikalische „Entfernung“ doch um einiges größer. Projekte wie zum Beispiel das Institut fuer Zukunft würden in Halle nicht funktionieren, weil die Nische hier in der Stadt einfach zu klein dafür ist. In Halle tut sich aber dennoch einiges: Wir hätten 2013 nicht gedacht, dass wir mal 48 Podcasts schaffen und es kommen immer neue DJs und Produzenten aus und nach Halle – da ist auf jeden Fall noch jede Menge Luft nach oben.

FHWL Sticker

Die Clublandschaft in Halle ist relativ überschaubar. Der Charles Bronson wird über die Stadtgrenzen wohl am ehesten wahrgenommen. Aber einen Club in der Stadt zu führen, ist nicht das Leichteste. Wobei das wohl nirgendwo der Fall ist, aber in Halle ist dieses Stückchen Brot besonders hart. Mein Eindruck zu Labels allgemein ist, dass es wohl zur Mode geworden ist, ein eigenes Labels zu gründen. Warum das so ist, kann ich nicht genau sagen – ich bin kein Produzent oder DJ. Aber es liegt vielleicht daran, dass größere, etablierte Labels zu viele Demos bekommen. Die Auswahl ist einfach zu groß und wenn sie mal reinhören, kann es schon passieren, dass einige auf Grund dieser Masse an Demos abgelehnt werden. In Halle gibt’s mittlerweile auch einige Labels und nur die wenigsten bekommen die Aufmerksamkeit, die sich die Gründer/innen anfangs gewünscht haben – obwohl der Output echt gut ist. Das ist schade. Aber es gibt schon Labels aus Halle, die wir besonders auf dem Schirm haben.

Was steht bei euch im diesem Jahr sonst an, gibt es Pläne, die ihr verraten könnt?

FHWL: Als Paul das Projekt 2013 gründete, war die Idee, damit beide Städte etwas näher zu bringen – zumindest musikalisch. Nachdem wir uns hier in Halle sehr wohnlich eingerichtet haben und das Ganze irgendwie mehr als nur ein Hobby geworden ist, wagten wir mal den Blick über den Tellerrand nach Leipzig. In Halle wollen wir auch zwei, drei kleinere Projekte in Angriff nehmen, die sich nicht nur digital abspielen, sondern Musik und Kunst analog greif- und erlebbar machen. Ansonsten haben wir Lust auf schöne Podcasts von interessanten Künstlern, werden auf unserem Blog neue und etablierte Projekte vorstellen und etwas Sekt auf Eis an ’nem Samstagabend mit Freunden genießen.