27.04.2017  /  Sascha  /  Kategorie: Podcasts

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich das erste Mal von Sandra hörte. Da gab es dieses Projekt namens Geektown Detroit, ein Buch voller Illustrationen bekannter und weniger bekannter Helden und Orte der Motor City. Dafür bereiste Sandra die Stadt schon mehrfach und verbrachte ihre Zeit dort nicht nur auf Partys oder bei Interviews, sondern auch in Plattenläden. Denn die Berlinerin ist nicht nur Grafikerin, sondern legt auch selbst auf. In ihren DJ-Sets gibt es vor allem Disco, Boogie, Soul und jede Menge Funk zu hören. Aber auch abseits davon hat Sandra vieles auf dem Schirm – was nicht zuletzt an ihrer Arbeit bei HHV Records liegt. Unter anderem darüber und vieles mehr sprachen wir mit ihr im Interview – und ließen dazu ihren tollen Ashorecast rotieren.

Sandra / Foto: Patrizia Fusi

Sandra, das erste Mal bin ich auf dich durch dein Projekt und Buch Geektown Detroit aufmerksam geworden, doch der dazugehörige Blog scheint derzeit etwas still. Wie steht es um das Projekt und wie ist dein bisheriges Resüme dazu? Planst du mal wieder eine Reise in die Motor City?
Derzeit liegt das Projekt auf Eis, wohl vor allem wegen meines unüberwindbaren Perfektionismus. Mittlerweile habe ich zwei Sommer in Detroit verbracht und 20-30 Stunden Interviewmaterial aufgenommen, unter anderem mit Waajeed, Kyle Hall, Mike Huckaby und Kevin Reynolds. Dennoch hab ich Visuelle Kommunikation studiert und der Fokus des Projekts liegt ganz klar auf den Artworks und nicht auf dem Textanteil. Am Ende nur was Halbgares herauszubringen, das nur für den Coffee Table taugt, darauf hatte ich absolut keine Lust und das wird auch der Stadt nicht gerecht.
Tatsächlich hat mich die Arbeit an Geektown Detroit aber soweit auf die Bildfläche gerückt, dass ich inzwischen Artworks für Labels und Veranstaltungen in diversen Ländern mache und dabei Künstler illustriere, deren Output ich auch noch größtenteils supporte.

Flyer

Du arbeitest neben deinem „Artwork shizzle“ auch noch bei HHV und bist unter anderem für die Snippets zu den Platten zuständig. Du hörst also eine Menge Musik – aber kannst du am Ende des Tages überhaupt noch entscheiden, was dir gefällt und was nicht?
Das Schlimme daran ist ja, dass ich neben den Soundfiles oft noch ’nen Mix laufen habe und parallel dazu meine Discogs-Wantlist pflege! Aber ja, was mir gefällt, kann ich auch nach acht Stunden Soundgeballer noch entscheiden. Umgekehrt hätte ich zu Hause ziemlich viel damit zu tun, das ganze Zeug zu entdecken, was da auf Arbeit täglich reinkommt. Insofern ist der Job ein totaler Segen. Am Ende sind aber vielleicht doch nur 5% der Platten für mich spannend und bei dem Rest checke ich eigentlich nur, ob Tempo und Qualität stimmen. Durch die letzten Monate bei HHV ist allerdings definitiv der Anteil an Neuveröffentlichungen und Reissues meiner Plattenkäufe gestiegen.

Sandra / Foto: Vera Butschkau

Man kann dich regelmäßig im Cafe Wendel in Berlin erleben – hast du eine spezielle Verbindung zu dem Ort? Und welche Orte magst du – zum selber auflegen oder weggehen – sonst gerade in Berlin?
Manche Menschen behaupten ja, Berlin hätte keinen Soul. Als ich im Sommer 2015 nach sieben Jahren Weimar wieder in Berlin gestrandet bin — diesmal im Westen, irgendwo zwischen Westhafen und Tiergarten — bin ich zwangsläufig irgendwann bei Wedding Soul in der Panke gelandet. Als am Ende einer langen und verschwitzen Nacht „Es bleibt die Sonne“ vom Gerd Michaelis Chor lief, war ich da augenblicklich zuhause, inklusive mitsingen und feuchten Augen. Da war der ganze Souljazz, die Beatinstumentals, die ich gerade gediggt habe, Library Stuff, Amiga, AOR, Brazil, türkisches Zeug. Und ein Publikum, was das auch noch bedingungslos feiert! Die Jungs vom Beatkollektiv haben mich dann über die letzten zwei Jahre auch so ein Stück weit adoptiert.
Zum Wendel bin durch DJ Werd gekommen, mit dem ich zusammen auf einem Plattenflohmarkt (der Kuchenplatte!) gespielt habe, und der im Wendel regelmäßig die Turntable Tutorials veranstaltet. Da ich mir gerade mal zwei Technics und ’nen halbwegs anständiges Mischpult zusammengekratzt hatte, musste ja auch irgendwo die Praxis herkommen. Das Wendel ist für mich seitdem sowas wie ein ausgelagertes Wohnzimmer voller Leute geworden, vor denen ich meine neuen Platten ausprobieren kann.
Ausgehen ist immer so eine Sache. Mir fällt meine latente Menschenphobie gern mal auf die Füße, deshalb treibe ich mich eher auf Veranstaltungen von Freunden rum. Vor allem im Crack Bellmer zum Disco Train, in der Kugelbahn im Wedding, letztens beim Heideglühen bei mir um die Ecke. Wenn das scheiß Neukölln nicht so weit weg wäre, würde ich mich wahrscheinlich viel öfter im Sameheads bei der Tom Bolas Veranstaltung oder beim Club Cosmic blicken lassen. Cashmere Radio related Zeug finde ich sehr spannend.

Sandra / Foto: Klaus-Peter Görner

Wer dich durch Geektown Detroit kennt, würde eventuell vermuten, dass deine DJ-Sets von Beatdown und Detroit House oder Techno geprägt sind – stattdessen gibt es viel Disco, Funk und Soul. Gab es da im Laufe der Zeit eine stilistische Verschiebung oder wie hast du zu deinem Sound gefunden?
Ich mach da wohl so einen natürlichen Reifeprozess mit. Klar hab ich in der Zeit, als ich an dem Geektown-Projekt gearbeitet habe, viel Detroit-House und -Techno gehört. In Weimar habe ich auf der wahrscheinlich plattenreichsten Etage der Stadt gewohnt. Mein Nachbar links hatte die schönsten Midtempo-Disco-Boogie-Scheiben und jede Menge Amiga-Perlen; mein Nachbar rechts hatte sich damals schon zu Italo- und Yacht-Rock bekannt, womit er vielen meilenweit voraus war. Von meinem Exfreund habe ich die Liebe zu Camel-Jazz und Brazil mitgenommen.
Als ich 2014 das erste mal in Detroit war, konnte ich an den Kisten mit den Soul 45s nicht vorbei gehen. Immerhin ist Soul und Funk ein riesiger Teil der Geschichte Detroits, genauso wie der riesige Teil an Jazz und Rockgeschichte, der da geschrieben wurde und den ein Juan Atkins genauso wie ein Jay Dilla inhaliert hat. Als ich das zweite Mal dort war, habe ich etwa ein Drittel meiner Zeit in Plattenläden verbracht und bin mit rund 200 Schallplatten im Gepäck nach Hause geflogen, von Bob James über Coke Escovedo bis Hugh Masekela.
Meine Interessen im letzten Jahr sind natürlich viel von dieser HHV-Neuware-Welt geprägt, in die ich da reingeraten bin. Gefühlt war das während der italienischen Library-Welle, den Gospel-Soul-Reissues und dem Nigerian Boogie. Dass sich meine Wantlist gerade mit Unmengen von Cosmic, Balearic, Softrock und europäischen Disco-Perlen füllt, habe ich wohl den Jungs von Past Forward und Prongof zu verdanken.

Geektown Detroit

Danke für deinen Mix! Wie und wo hast du ihn aufgenommen, gab es vorab ein Konzept?
Danke für die Einladung! Auf diesen sechs Quadratmetern zwischen Bett, Schreibtisch und Balkon, total analog mit zwei Plattenspielern, ’nem Rane-Mixer und einer Handvoll Platten. Konzepte gibt’s bei mir nicht. Meine Mixe erzählen relativ viel darüber, wie’s mir gerade geht und was ich am meisten digge. Nach über zwei Jahren hab ich für meine Verhältnisse den totalen Uptempo-Mix aufgenommen. Besonders special ist für mich der „Happy Disco Song“ von Haile M. Ghiorgis, eine äthiopische Synth-Boogie-Nummer, die gerade von Günter von nebenan (The Artless Cockoo) wiederveröffentlicht wird. Andy Nelsons „Lady Angie“ — eine Killer-Nummer mit Allen Parson Gitarren-Riff, französischem Spoken Word und epischem Synth-Gewitter. Absolut neu für mich auf dem Schirm war die „African Blood“ von Supermax — eine deutsche Produktion aus den End-Siebzigern — wie überhaupt viele deutsche Disco-Nummern gerade in meinem Kosmos aufploppen, für die wir entweder viel zu lange taub oder einfach nicht kool genug waren.

Wo kann man dich bald mal wieder auflegen hören?
Am Freitag zu Gast beim Koogle Boogle mit Soulix in der Kugelbahn Wedding, am 7. Mai auf der Kuchenplatte im Astra bei einem entspannten Nachmittags-Set und am 14. Mai im Silent Green, um für die JAW Family beim Avishai Cohen Konzert aufzuwärmen.

Tracklist
Mit Songs von Ikebe Shakedown, The Mystic Jungle Tribe, Haile M. Ghiorgis, Supermax, Les Yeux Orange, Andy Nelson, Junko Ohashi, Louise Freeman und vielen anderen.

Sandra kann man bei Soundcloud, Mixcloud und Facebook folgen.

Fotos: Vera Butschkau, Patrizia Fusi und Klaus-Peter Görner