10.03.2016  /  Sascha  /  Kategorie: Podcasts

Disco, Soul, Funk, Boogie, Brazil, House, Psych und Folk. Ob aus der Türkei, Nigeria oder jedem anderen Fleck der Erde. Alles ist möglich in den DJ-Sets der Kalakuta Soul-Crew, die seit 2013 auch ein eigenes Label mit 12- und 7-Inches von unter anderem Sadar Bahar, Al Kent oder Cuttlefish & Asparagus betreibt. Auch Guy Dermosessian aus Bochum gehört mit dazu und ist zudem seit Jahren fester Teil der Musikszene von Bochum.
Für unseren neuen Ashorecast fragten wir ihn unter anderem, was ist der Stadt so geht, wie Kalakuta Soul entstanden ist, was es eigentlich mit dem Namen des Labels auf sich hat und wo er am liebsten nach neuen Schätzen für seine Vinylsammlung sucht. Ein paar davon haben auch ihren Weg in seinen Mix für uns gefunden, der wieder einmal einen tanzbaren Bogen quer durch die Genres spannt.

Guy DJ

Guy, wer steckt alles hinter Kalakuta Soul und wie habt ihr zueinander gefunden?
Hinter dem Label stecken vier Homies – Chesney, T.K. Disco, Ugly Drums und ich – die zwischen Bochum, Solingen, Köln und Haltern am See herumgeistern und sich in den letzten zehn Jahren in Clubs, Plattenläden und auf Flohmärkten über den Weg liefen.

Wann und wie ist die Idee zu Kalakuta Soul als Label entstanden?
Kalakuta Soul hat 2010 als Akt des Protests begonnen und als Versuch im öffentlichen Raum Bochums Musik jenseits von Genregrenzen zu spielen. Damals besetzten Zé Bebelo und ich einen öffentlichen Platz in Bochum, bauten eine kleine Anlage auf und spielten Highlife, Afrobeat, Soul und Jazz. Das Ganze nannte sich dann Kalakuta 3eck als Gegenpol zum von Gastronomie und Mainstream zersetzten Bochumer Bermuda 3eck.
Zu dieser Zeit organisierte ich in Bochum eine Partyreihe namens „Funkloch“, die mit Leuten wie unter anderem Sadar Bahar, Antal, Al Kent, Volcov, Nomad und Zaf eine Clubkultur etablieren sollte, die ein breites Spektrum dessen wiedergeben sollte, was Clubmusik genannt wird. Im Rahmen dieser Partys lernten wir uns dann unter anderem kennen, bis wir diese Abende dann gemeinsam gestalteten. Das Wir bestand zu der Zeit aus Zé Bebelo, Chesney, Ugly Drums, T.K Disco und mir, was sich bislang nicht wirklich verändert hat. Wobei Homies wie Boris Hotton, Bobby Mhark und Florian Ehing geistig immer parat sind und geliebt werden. In dieser Seele ist das Label entstanden und aus diesem Pool sind bislang auch die Tracks gekommen.

Was muss ein Track haben, damit er auf Kalakuta Soul Records erscheint?
Im Grunde muss uns der Track gefallen. Wobei wir, zumindest bei den 12-Inches, uns für Disco entschieden haben und Tracks suchen, die wir außergewöhnlich finden und in unseren Sets gerne spielen. Ich persönlich favorisiere Tracks, die eher akustisch und nicht allzu sehr nach Drumcomputern und Kompressoren klingen. Andere in der Gruppe sind da anderer Meinung. In unserem Facebook-Chatfenster gehen wir uns recht regelmäßig gegenseitig ordentlich auf den Keks, bis mal eine Entscheidung fällt. Meistens sind wir mit dem Ergebnis dann aber zufrieden.

Wo und wie entdeckt ihr neue Musik? Sind es Demos, der Kontakt über Freunde oder eher Eigeninitiative? Wie kam z. B. der Kontakt zu Sadar Bahar zustande?
Die Musik für das Label hören wir meistens in Clubs oder kriegen sie als Demo zugeschickt, wobei letzteres eher selten vorkommt. Der Klassische Fall ist, wir finden Al Kent gut, betteln um Tracks, suchen drei von sechs Tracks aus und schlagen ihm eine EP vor. Ähnlich lief es bei Sadar Bahar, wobei die Geschichte in diesem Fall etwas fantastisch ist.
Sadar spielte 2012 in Bochum. Ich spreche ihn auf Tracks an. Er sagt ja, er arbeite grad an Sachen und gibt sie uns gern. Es hat ganze zwei Jahre gedauert, bis ich eines Tages eine Nachricht erhielt, er wäre am Ende der Woche in Berlin und hätte eine CD mit den Tracks dabei. Es gab also keine andere Möglichkeit, als sich in den Wagen zu setzen, sechs Stunden Auto zu fahren, um an diese CD heran zu kommen. Ich erinnere mich an diese Fahrt mit Chesney und Ugly Drums, wie an den Weg vom Bett zum Weihnachtsbaum als Vierjähriger.

Der Begriff „Kalakuta“ stammt von Fela Kuti. Hast du eine besondere Verbindung zu ihm und seiner Musik?
Zu ihm als Person weniger als zu seiner Musik, aber vor allem zur von ihm gegründeten Kalakuta Republik, deren Zentrum ein Ort bildete, an dem Musik zelebriert wurde. Im Shrine fanden endlose Sessions, Konzerte und Jams statt, die einen zeremoniellen Charakter hatten, der aus meiner Sicht elementarer Bestandteil eines Clubabends sein sollte. Und Kalakuta Soul ist inspiriert von genau diesem Gedanken an einen Ort bzw. Raum, in dem Musik ohne Attitüden, Genres, Kategorien und Regeln zelebriert werden kann.

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Ich kenne sonst kaum Produzenten, DJs, Labels oder Partyreihen aus Bochum. Was habe ich verpasst und wie würdest du die Szene jemanden von außerhalb beschreiben? Was ist toll an der Stadt, was eher nicht? Und was machst du sonst so in Bochum, wenn du nicht gerade auflegst oder dich um Kalakuta Soul kümmerst?
Es gibt sicherlich Menschen aus Bochum, die dir viel mehr über die legendäre Vergangenheit Bochums in Sachen Clubkultur erzählen können. Leider bin ich zu spät hier gelandet und habe das alles selber verpasst. Zum Glück erwischte ich aber eine Zeit, in der recht viele Menschen aus Theater, bildender Kunst und Musik kleine Projekte ins Leben riefen und Szenen entstanden, die die Stadt lebenswert machten. Mein größter Spaß war es zu der Zeit, DJs und Bands nach Bochum einzuladen und deren Musik an etwas ungewöhnlichen Orten – Rahaan im Haus Lotz oder Zaf in einem leerstehenden Hochbunker – zu zelebrieren. Das machen wir nach wie vor, wobei es in letzter Zeit mehr nach Außen verlagert wurde und sich im Rahmen unserer recht sweeten „Kalakuta Soul Picnics“ manifestiert.
Insgesamt ist es eine sehr inspirierende Szene, in der sehr viele gute Menschen unterwegs sind und Gutes bewegen wollen. Phasenweise stagniert das Ganze, bis sich eine neue Dynamik ergibt und Sachen plötzlich an Orten entstehen, von denen du trotz deiner langjährigen Rumhängerei absolut nichts wusstest.

Wo diggst du in Bochum und auch außerhalb am liebsten Platten?
In Bochum gab es schon immer nette Adressen, wie Tom’s Corner oder Discover. Da bin ich immer wieder gerne und wühle mich durch alle Kisten. Vor ungefähr einem Monat hat auch ein neuer Plattenladen – Bahlo Records – eröffnet, der auch mein Bankrott bedeuten könnte. Außerhalb Bochums bin ich am liebsten bei Red Light Records in Amsterdam, bei Superfly Records in Paris, Vinyl A Gogo in Berlin und bei eBay im Internet.

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Was steht so alles in nächster Zeit bei dir und Kalakuta Soul an?
In den kommenden Tagen sollte der fünfte release von Cuttlefish & Asparagus – dem Duo aus Atlantis – auf Kalakuta Soul Records erscheinen. Danach kommt ein Release vom lange in Vergessenheit geratenen Cary Crant. Wenn wir es schaffen, passiert noch etwas vor Ende des Jahres, aber wir haben es nicht eilig. Sonst planen wir gerade ein Album mit den Homewreckers, die unfassbares Material zusammen haben, das unter anderem für Filme Harun Farockis verwendet wurde. Davon könnte eine Maxi schon dieses Jahr erscheinen, wenn sich nicht eine weitere Auskopplung unserer 7″-Reihe vordrängelt.

Danke für deinen Mix! Wie und wo hast du ihn aufgenommen, gab es vorab ein Konzept?
Ich danke Euch! Der Mix ist an einem entspannten Sonntag in meiner Lieblingsbar in Bochum entstanden. In meinem Wohnzimmer könnte ich unmöglich einen Mix aufnehmen, weil ich den halben Tag damit verbringen würde, zu überlegen, ob ich nicht doch ganz andere Platten selektieren sollte, während ich mich durch alle Regale wühle und plötzlich anfange Regale umzusortieren.
Ich habe mir nur vorgenommen, den Mix mit den Platten aufzunehmen, die ich für meinen Abend in der Goldkante am Abend davor gepackt hatte. Es hat lange gedauert, bis ich wusste, mit welcher Nummer ich anfange, aber danach lief es einfach und artete aus.

Wo kann man dich bzw. euch demnächst mal wieder auflegen hören?
25.03 – Kalakuta Soul – Goldkante, Bochum
31.03 – Sucio – Koz, Frankfurt am Main
01.04 – Kalakuta Soul – Gebäude 27, Mainz
02.04 – Kalakuta Soul – Mudd Club, Strasboourg
09.04 – Beirut Groove Collective – Radio Beirut, Beirut
22.04 – Kalakuta Soul – Yukunkun, Beirut

Tracklist

Mit Songs von Helios Matheus, Marcos Valle, Marcia Maria, Oby Onyioha, Christy Essien, Chris Mba, Abel Lima E Les Sofas, Charanga Universal, Erkin Koray, Ersen ve Dadaslar, Sakir Öner Günhan und vielen mehr.

Kalakuta Soul kann man auf Soundcloud, Facebook und YouTube folgen.