13.03.2013  /  Sascha  /  Kategorie: Podcasts

Steve.e!

Dresden und Drum’n’Bass, das ist eine mittlerweile lange Geschichte. Bereits 1995 gab es in der Elbstadt erste Jungle- und Breakbeat-Partys, die den neuen Sound verbreiteten. Große Massenveranstaltungen funktionieren hingegen selten, im „Uncanny Valley“ feiert man lieber in warmer Clubathmosphäre. In dieser tanzte sich nach seinem Umzug von Demmin an der Ostseeküste nach „DoubleD-Town“ auch Steve Kasper alias Steve.e! die Füße wund, und fand sich 2006 schließlich selbst hinter Decks wieder. Sein Sound war damals noch vor allem durch schnelle Breakbeats gekennzeichnet, doch Steve.e! blieb im Laufe der Jahre ohnehin nie lange auf nur einem musikalischen Fleck stehen.

Stattdessen folgten große Schritte in Richtung Dubstep, Techno, Ambient und mittlerweile sogar House, so wie er in „Unvexed Dub“, seinem Beitrag zur Uncanny Valley 010, zu hören ist. Doch begonnen hat alles mit Hip-Hop – wieso, das erzählt uns Steve.e! im Interview, in dem Ihr zudem mehr über seine Partyreihe Sub Sickness, die Dresdner Dubstep-Szene und seinen Beitrag zu unserer Ashorecast-Reihe erfahrt, der nicht nur stilsicher und fachmännisch gemixt ist, sondern uns zudem seit Tagen auf schönste Art und Weise die Magenwände massiert.

Hallo Steve, wann hat dich die Liebe zur Musik gepackt und wie kamst du anfangs gerade zum Hip-Hop?
Hallo! Da muss ich ein wenig ausholen. Ich denke, das ganze Hip-Hop-Ding hat schon mehr mit meiner früheren schulischen Umgebung zu tun. Ich hatte hier und da ein paar Freunde auf dem Gymnasium, die öfter mal MCs (Stichwort: Bleistift – Na, klingelts?) mit irgendwelchen Mixen oder überspielten Rap Tracks getauscht haben. Das nennt man heute Raubkopieren, glaube ich. Von den Tapes habe ich sicher noch welche bei Mutti rumliegen. Das war so ziemlich der Beginn des selektiven Hörens, da ich bis dahin nie besondere Einflüsse genossen hatte. Meine Familie zum Beispiel ist total unmusikalisch. Immerhin hatte ich ein paar Jahre Keyboard-Unterricht. Das ist mitunter sehr hilfreich, wenn man anfängt zu produzieren.
Jedenfalls hatte einer von besagten Freunden Plattenspieler und kaufte sich ab und an auch Platten. Was macht man als Jugendlicher mit Platten und -Spieler? Genau – kannte man ja aus dem Fernsehen. Das war an sich schon cool, aber auch nichts, was auf Dauer allein Sinn macht. Also habe ich weiterhin Hip-Hop gehört und auch angefangen, diese und artverwandte Musik auf jeglichen Medien zu sammeln und auch ab und an mal damit zu jonglieren. Da schwirrt ja auch immer allerhand anderes Zeug herum, wenn man sich mit Freunden austauscht. Klassiker wie „Reach Out“ oder „Ska“ von Zinc und auch das Album Journey Inwards von LTJ Bukem haben mich dann letztlich mehr auf Drum’n’Bass und Jungle aufmerksam gemacht. Nunja und das mit dem richtigen Auflegen und Produzieren kam dann so nach und nach. Spätestens, als ich meine erste Drum’n’Bass-Platte von meiner damaligen Freundin geschenkt bekommen hatte. Das war „Say You Love Me (Rufige Mix)“ von Goldie. Das war für mich der eigentliche „Einstieg“ ins Auflegen und regelmäßige Musizieren. Die jugendliche Neugierde hat sich dann recht schnell zum produktiven Enthusiasmus gesteigert, nach wie vor ohne Rücksicht auf Genreschubladen.


Steve Kasper – Unvexed Dub (Uncanny Valley)

Viele außerhalb von Dresden sind vielleicht erstmals durch deinen Track „Unvexed Dub“ von der UV 10 auf dich aufmerksam geworden und bemerken dann, dass du ja schon ganz andere Sachen gemacht hast, klassischen Drum’n’Bass, Dubstep und Jungle, aber auch Techno und Ambient. Auf welchem musikalischen Spielplatz tobst du dich denn eigentlich am liebsten aus?
Oh, da kann ich mich nur sehr schlecht festlegen. Die Wahl des Spielplatzes ist mitunter auch vom jeweiligen Projekt abhängig. Mit meinem Kollegen Gnista zum Beispiel betreue ich derzeit das noch sehr junge Projekt TRVE, welches eher deep und dubbig rund um die 140 daherkommt. Bei Better Than Gold geht’s schon eher auf die flottere Junglerutsche. Grundsätzlich aber steh‘ ich auf allerlei bassigen Kram, den man sich, gepaart mit interessanten Beats, ins Ohr stecken kann. Momentan darf’s bei mir auch gern ein wenig acid-lastig werden.

Mit Sub Sickness betreibst du mit Albreax, Gnista, Carl Suspect und Mr.K eine Partyreihe in Dresden – wann ging es damit los, was ist das Konzept dahinter und wie wird das Ganze in Dresden angenommen?
Die Crew Sub Sickness gibt’s nun seit Anfang 2010. In erster Linie wollen wir unseren Gästen Künstler bzw. Musik nahebringen, die wir selbst gern auf Veranstaltungen sehen/hören möchten. Der Tanzaspekt ist dabei auf jeden Fall sehr wichtig. Heftigste Wobble-Raves streben wir aber nicht an.
Unseren bisher ehrgeizigsten Wunsch haben wir uns übrigens letztes Jahr im Oktober mit Mala erfüllt. Allgemein wurde diese und ebenso andere vorangegangene Veranstaltungen, die wir unter anderem zusammen mit Uncanny Valley durchgeführt haben, von vielen Seiten her gut angenommen. Wir werden unser Angebot in Zukunft auch ein wenig mehr in andere artverwandte Richtungen ausweiten. Einen großen Schritt gehen wir diesbezüglich mit unserer kommenden Veranstaltung im Sektor Evolution, welche am 20. April 2013 stattfinden wird. Dieses Mal haben wir uns Om Unit, zusammen mit Kahn und Neek eingeladen. Die ganze Aktion passiert in Kooperation mit den Leuten von Green Planet inc. und den Visualisierungskünstlern von Laterne.
Ferner unterstützen wir in Kollaboration mit High Finesse und Follow The White Rabbit die neuentstehende Reihe „Freaqs Down Deep“. Ein Tummelplatz für Basshouse-, UK-Funky-, und 808-Heads.

Gibt es noch andere Crews, die sich in Dresden um Dubstep „kümmern“ oder kann man sogar von einer kleinen Szene sprechen?
Definitiv! Es gibt viele sehr engagierte Freunde und Bekannte die selbst oder auch in Kollaboration mit anderen Crews Dubstep- bzw. Bass-Music-Partys in Dresden und Umgebung hochziehen. Zu nennen wären da beispielsweise High Finesse, Green Planet inc. und die Jungs von Potschappel Underground.
Ich würde meinen, dass die Szene doch recht gut heran- und vorallem zusammengewachsen ist. Das liegt wohl auch an der gut funktionierenden Kommunikation und Organisation, die sich zwischen den Veranstaltern und DJs entwickelt hat. Außerdem ist dem Fat Fenders als lokaler Treffpunkt besondere Bedeutung zuzuschreiben. Denn da kauft man nicht mehr nur Platten und VVK-Tickets. Mittlerweile finden dort kleinere Treffen, Livestreams, Weihnachtsfeiern oder Sessions zum Neustädter Stadtteilfest BRN statt. Ein Szenewohnzimmer, wenn man so will!

Steve.e!

Wie und wann fandest du den Anschluss zu Uncanny Valley?
Mein Mitbewohner Carl (Carl Suspect) ist einer der Mitbegründer des Labels und hat unter anderem auch das Sub-Sickness-Projekt mit ins Rollen gebracht. Und da ich gern mal unterhalb der 140 BPM produziere, war das ganze vielleicht auch eine Art Folge jener Umstände.

Neben deinen DJ-Sets kann man dich auch immer mal wieder live erleben. Wie sieht dein Live-Set-Up aus – und wie klingt es?
Mein Set-Up besteht im Grunde aus einem Laptop, MPD24 zum Steuern der Effekte und Shufflen der Beats, einer APC20 und einem Focusrite Saffire Pro 24 Interface. Letztlich ist das auch das Setup, welches ich als Solo-Act benutze. Für mein aktuelles Projekt Better Than Gold nutze ich zusätzlich ein analoges Mischpult, Space Echo und andere lustige Spielereien, die sich im Laufe der Zeit ansammeln. Mein Pianist Sam Francesco spielt einen Microkorg und ein Stagepiano von Studiologic, Michael Romeo Singt am Mic, ergänzt durch ein TC Helicon Vocal-Effektgerät.
Momentan bin ich dabei, mehr „outboard“ zu spielen und auch zu produzieren. Das heißt, ich nutze zusätzlich externe Effekte oder Klangquellen, wie zum Beispiel ein Space Echo. Da mach ich auch vor einem alten Tapedeck nicht halt. Damit kann man übrigens vielerlei wundervolle Dinge anstellen. Musikalisch bewege ich mich wie gesagt gerne in viele Richtungen. Dies geschieht auch in Abhängigkeit des jeweiligen Projektes. Somit ist es schwierig, eine allgemeine Formel dafür aufzustellen. Grundsätzlich bevorzuge ich es aber sinnvoll aufgebaute, bogenförmige, in gewisser Weise kontextlastige Livesets zu spielen. Bestimmte Elemente kehren also immer wieder.


Steve.e! – Tomorrow Morning

Spielst du als DJ auch House oder beobachtest an dir selbst den Trend vieler UK-Dubstep-Produzenten hin zu House und Techno? Wie schätzt du diesen Trend ein?
Ich würde nicht behaupten wollen, dass dies ein „besonderer“ Trend ist. Die Tendenz dahin ist aber auf jeden fall unbestreitbar und in meinen Augen sogar wichtig. Aber ich schätze auch, dass dies eine logische Konsequenz der allgemeinen Entwicklung von Dubstep ist. Dubstep war ja nie einfach für sich da, sondern hat sich so wie andere Stile aus verschiedensten Richtungen konglomeriert. Das sind dann Sachen wie Dub, UK Garage, Techno, House, Jungle etc., die darin eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Und wenn man das ganze Ding am Ende wieder umdreht, funktioniert es wunderbar in Verbindung mit zum Beispiel tiefen Basslines, Shufflebeats und housigen Chords – siehe George Fitzgerald, Scuba und so weiter. Ich finde sogar, dass das freie Kombinieren von Stilen und Elementen der Vielseitigkeit einer Produktion oder eines DJ-Sets sehr zuträglich sein kann. In der Musik ist schließlich alles erlaubt.

Vielen Dank auch für deinen tollen Mix für unseren Blog – wie und wann hast du den aufgenommen, gibt es ein bestimmtes Konzept dahinter?
Sehr gern! Ich freue mich, wenn mir jemand den Anstoß gibt, mal wieder einen neuen Mix aufzunehmen. Ich finde dafür selten Zeit und Ruhe, werde aber demnächst wieder intensiv anfangen, kleinere Sets aufzunehmen und hochzuladen.
Den Mix habe ich nach dem Zusammentreffen mit RSD, den viele auch als Rob Smith kennen, aufgenommen. Er hat auf unserer Sub-Sickness-Veranstaltung Mitte Februar gespielt und ich war für das Warm-up zuständig. Danach war ich irgendwie voll auf dem Dubstep-Film und wollte das in gewisser Weise festhalten.
Meine „Idee“ dahinter war, Lieblingstunes und solche, die mit diesen besonders gut harmonieren, zusammenzustellen und einen kleinen Bogen zu spannen.
Aufgenommen habe ich den Mix mit einem Sack PVC, zwei Technics SL-1210, einem abgeranzten Battlemixer der Marke Stanton mit Bananenaufklebern und Ableton Live als Recorder. Das war dann auch irgendwie der Grund, warum ich mir nach der Aufnahme ab und an einen Spaß daraus gemacht habe, einige Parts von Tracks über andere Stellen drüberzudubben oder einfach mal mit dem Tubedelay zu spielen.


TRVE (Gnista vs. Steve.e!) – Session

Was sind deine drei aktuellen Lieblingsplatten?
Es ist mittlerweile schwierig, sich auf nur drei Platten zu beschränken, da ständig viele gute neue Sachen erscheinen. Aber seit einer Weile steh‘ ich ziemlich auf George Fitzgerald und den ganzen Basshouse-Kram, der momentan durch den Äther fliegt. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich auf jeden Fall die Child EP von ihm charten. Erschienen auf Aus Music. Malas letztes Album Mala In Cuba ist definitiv auch ein paar Ohren wert. Musikalisch super, macht Spaß. Steht immer ganz vorn im Expedit-Regal. Ein Freund hat mich neulich durch Zufall auf die „Tracks From The Vault Vol. 2“ von KiNK gebracht. Sie ist schon etwas älter, aber birgt jede Menge dicke Überraschungen. Läuft bei mir derzeit hoch und runter. Danke Wilhelm!

Sind neue Veröffentlichungen von dir in Planung?
Nach der letzten Veröffentlichung auf ANUS Rec. im Februar bin ich momentan dabei, meine gesamten Projekte zu ordnen und einige EPs zusammenzustellen. Den Großteil, vorallem die Dubstep-Sachen, werde ich zukünftig auf Bandcamp feilbieten. UV-seitig bemühe ich mich ebenfalls gerade, meine angefangenen Projekte fertigzustellen, da ich zudem nun noch der einzig verbleibende Künstler von der UV#010 bin, der keine eigene EP released hat. Derzeit bin ich auch fleißig dabei, neues Material rumzuschicken. Vielleicht öffnet sich ja das ein oder andere Ohr.

Wo wird man dich demnächst live oder als DJ erleben können?
Am 29. März spiele ich zusammen mit Wilhelm, Gnista, Henry Shiftczynski und LEISE auf der zweiten Freaqs Down Deep im l’Hibou, Dresden. Zudem kann man mich zusammen mit Gnista am 20. April im Sektor Evolution hören. Wir werden das Warm-up für Kahn und Neek spielen. Als kleines Schmankerl spielen und mixen wir unsere Platten nicht nur, sondern dubben das ganze mit Space Echo und eigenen Sounds. Live-Auftritte mit Better Than Gold sind ebenso in Planung. Konkret seien zum Beispiel die BRN in Dresden (14.-16. Juni) und das Stroga-Festival (12.-14. Juli) genannt. Weitere Dates erscheinen nach Bekanntgabe auf unserer Facebook-Seite.

Tracklist

1. Gantz – Catalyst
2. Kahn – Late Night Blues
3. Biome – DMT w/ Fallen 45
4. Proxima – Grunge
5. Icicle – Acid Step
6. Asylum – Salvage
7. Biome & Demon – Symmetry
8. Icicle – BNC
9. Pinch – Elements
10. Proxima – Brainstem
11. Gantz – Siyam
12. Distance – Searching
13. Youngstar – Pulse X (Blackwax Remix)
14. Killawatt – Sidewinder (Ipman Remix)
15. Asylum – Blindfold
16. Distance – Blue Meanie
17. Sleeper – Dawn Of The Replicants
18. Farkas – Harmless
19. Dark Tantrums – Storm
20. Dark Tantrums – The Growler
21. Lost & I.E. – Attack!
22. Jack Sparrow – Afraid Of Me
23. Squarewave – Heartbeat Dub ft. Dutty Ranks
24. Mala – Maintain Thru Madness
25. Commodo vs. Lurka – Capisce?
26. Dub Mechanics – Highest Strain
27. Lee ‚Scratch‘ Perry vs. Digital Mystikz – Like The Way You Should (Mala Rework)

Steve.e! kann man auf Jamendo und Soundcloud folgen.

Fotos: Julia Weingarten