22.09.2014  /  Jan  /  Kategorie: Podcasts

Vor etwa anderthalb Jahren haben wir bei Ashore das Berliner Label Weevil Neighbourhood vorgestellt, seitdem haben wir immer wieder über einen möglichen Podcast geredet. Nun hat es endlich geklappt! Labelbetreiber Martin Heinze mixte uns ein Showcase der besonderen Sorte als Ashorecast #23 zusammen und präsentiert sein Label als homogene Vision, die sich dennoch in so unterschiedlichen Schubladen wie Dub, Techno, Ambient, Drone, Dubstep, Drumandbass, Breaks bis hin zu Field Recordings bedient. In anderthalb Jahren kann aber auch viel passieren. Deswegen sprachen wir mit Martin erneut über die aktuelle Ausrichtung des Labels, das A&R und die besondere Haptik der Releases. Außerdem darüber, wie anstrengend ein Labelbetrieb zwischen Vollzeitjob und Familie sein kann.

Hallo Martin, wir haben letztes Jahr im März über Weevil gesprochen, damals war die Entwicklung des Labels offen – Events, fiktive Figuren, Bilder. Was hat sich seitdem Jahr getan?
Im Hintergrund haben sich einige Weichen gestellt und einige Ideen haben auch schon deutlich mehr Kontur bekommen. Nach Außen hin ist das bisher allerdings noch kaum sichtbar. Ich möchte nicht zu ausweichend klingen, aber kann und will an dieser Stelle auch noch nicht konkreter werden. Vielleicht aber schon soviel: das Label arbeitet künftig verstärkt mit Künstlern aus dem grafischen Bereich zusammen.

Weevil hat ja schon immer viel Wert auf die Optik und Haptik der Platten und Kassetten gelegt, was die Tonträger zu Gesamtkunstwerken und Sammlerobjekten macht. Mich würde noch interessieren, was sich insgesamt beim Label getan hat: Ist es gewachsen? Soll es wachsen? Außerdem setzt du auch voll auf einen eigenen Vertrieb. Ist ein größerer Vertrieb wie Rub-A-Dub, Rush Hour oder vielleicht Hard Wax uninteressant für dich?
Ja, das Label soll wachsen, aber das kann es von mir aus auch über einen längeren Zeitraum. Ich verspüre da keinen unmittelbaren Druck. Mein Ziel ist es, die Zahl der Veröffentlichungen konstant zu halten, was auch oft schwierig genug ist. Momentan ist es angenehm zu merken, dass sich das Einzugsgebiet des Labels langsam erweitert – es treten immer mehr Leute in Kontakt, die über zwei drei Ecken von Weevil Neighbourhood oder der Weevil Series mitbekommen haben, sei es über Läden, die die Releases verkaufen, DJs, die die Musik supporten, oder andere Labels. Das ist ein unbeschwertes, organisches Wachstum, das mich sehr freut und das künftig auch etwas höhere Auflagen ermöglicht, damit diejenigen, die erst später davon erfahren, noch eine Chance haben, an die Platten zu kommen. Was die Vertriebssituation angeht: da ändert sich gerade das ein oder andere für das Label. Ich arbeite für die kommenden Veröffentlichungen mit einem neuen Vertrieb zusammen, und zwar mit Kudos. Ich bin schon ziemlich gespannt, wie sich das auf die Labelarbeit auswirkt. Der Vorteil des eigenen Vertriebs bisher war neben der Unabhängigkeit von oft launischen Einkäufern bei den Vertrieben die persönliche Dimension des Ganzen. Direkt mit Fans des Labels in Kontakt zu sein und Mails von begeisterten Plattenläden oder Mailorders zu bekommen, die halt keine 200, aber dann doch 20 Platten bestellen und ihre eigenen Stammkunden damit versorgen, das ist bei allem Logistikaufwand dann doch ziemlich lohnenswert. Glücklicherweise habe ich mich mit dem neuen Vertrieb auf eine gute Lösung einigen können, die die Vorteile aus beiden Situationen zulässt.

Du scheinst also extrem viel (Frei)-Zeit in das Label zu stecken, davon leben kannst und willst du aber nicht?
Das ist richtig: es fließt einiges an Zeit hinein; tendenziell weniger, als ich gerne investieren würde. Aber mit Vollzeit-Job und Familie dazu ist das alles relativ knapp bemessen. Wenn man dann noch gerne selbst noch Musik schreiben will, wird es nur noch knapper. Schreiben und Organisation fallen bei mir gerade zu gleichen Teilen in den späten Abend. Ich versuche das momentan noch besser zu kanalisieren und gezielter auf bestimmte Termine aufzuteilen. Meistens gelingt das aber dann doch nicht so, wie geplant. Und, nein: um das Label profitabel zu machen, müsste ich eine ganz andere Größenordnung aufrufen: mehr Releases, höhere Auflagen, Abverkaufs-orientiert und Konsumenten-nah planen – also auch digitale Formate pushen, Vermarktung outsourcen um mehr für A&R Zeit zu haben und so weiter. Das will ich alles gar nicht wirklich; dafür kann das Label ruhig ein bisschen mehr Underdog bleiben, spröder, hands-on, greifbarer, persönlicher. Geld spielt eine Rolle, keine Frage. Aber ich bin hier Realist: meine Kalkulationen laufen aber immer nur auf einen Breakeven für Herstellungskosten und Künstlergagen hinaus.

In musikalische Schubladen ist Weevil nur schwer einzuordnen und wenn, dann wäre fast eine eigene Schublade sinnvoll: Man hört irgendwie immer den Zusammenhang zwischen den einzelnen Veröffentlichungen heraus. Nach welchen Kriterien suchst du die Künstler aus? Bekommst du Demos geschickt? Oder gehst du auf Fischzug bei Soundcloud?
Ich bekomme hin und wieder Demos, ja, und ich gehe auch dann und wann auf Streifzüge durch die Untiefen der Soundcloud und tatsächlich entdecke ich auch Sachen, die mir gefallen. Es gibt da konkret zwei, drei Künstler, mit denen ich so in Kontakt gekommen bin und mit denen ich mich schon seit einiger Zeit über ein mögliches Release unterhalte. Grundsätzlich gehe ich aber sehr vorsichtig mit der musikalischen DNA des Labels, dieser Wiedererkennbarkeit um. Und weil die primär an die Künstler geknüpft ist, die bereits veröffentlicht haben, arbeite ich auch am liebsten mit denen für weitere Projekte zusammen. Ganz konkret sind das Katsunori Sawa, Repetition/Distract und Anthone – bei allem hörbaren Zusammenhang finde ich, dass die die „Neighbourhood“ schon einigermaßen treffend in drei verschiedene Richtungen gemapped haben: brachial und noisy, introvertiert und melancholisch, deep und dubby. Da ist noch einiges an Spielraum dazwischen, und Möglichkeiten zum Ausbrechen gibt es immer genug. Eine der beiden aktuell geplanten Veröffentlichungen wird einen kleinen Ausbruch wagen. Mal sehen, ob und wie sich das auswirkt.

Das ganze Konzept und auch die Musikästhetik erinnern mich sehr an die frühe Technozeit, also der Begriff noch weitreichender als heute war und Anonymität sowie ein Label-Gesamtbild weit verbreitet waren? Zufall? Oder gibt es Vorbilder?
Kein reiner Zufall sicherlich, ich habe diesen Teil der Musikgeschichte ja auch irgendwie inhaliert. Konkrete Vorbilder gibt es aber keine, zumindest keine musikalischen. Das Konzept (Anonymität, Limitierung usf.) ist an sich natürlich nicht wirklich neu und hat ja auch schon mindestens eine Retrowelle mitgemacht, auf der das Label mit der Weevil Series zugegebenermaßen ja auch ein Stück weit mitgesurft ist. Es bietet aber auch gewisse Orientierungspunkte, die den Labelbetrieb für mich überschaubarer und vielleicht auch greifbarer gemacht haben.

Kannst du kurz die Katalognummern – die keine Nummern, sondern Begriffe wie CULT, BLINDFOLD, DOTS oder WAIT sind – erklären?
Die Idee mit den Begriffen kam während der Konzeptphase zur Weevil Series. Ich wollte in die Serie sowohl eine einfache Reihenfolge als auch die Idee von Abgeschlossenheit mit hereinbringen. Beides sollte sich nicht mit Zahlen ausdrücken lassen. So kam es zu den drei Entwicklungsstadien des Käfers, dieses Protagonisten der Serie – Larve, Puppe, ausgewachsenes Insekt – LARVA, PUPA, ADULT. Hinter der Weevil Neighbourhood steht ja die Idee einer Topologie und nicht die eines linearen Zeitablaufs oder einer (zeitlichen) Entwicklung – Orte, Akteure, Ereignisse statt Stadien in direkter Abfolge. Das Ganze ist per se flexibler, chronologisch offener (das sorgt im Falle der Releases auch für ein bisschen angenehmes Durcheinander auf Discogs) und, finde ich, gedanklich auch anregender – so eine Art imaginative Ergänzung zur Musik, auch wenn das vielleicht jetzt etwas esoterisch daher kommt.

Kannst du uns abschließend noch einen Ausblick geben?
Es sind aktuell zwei Releases in der Pipeline – ein neues Kollaborationsprojekt von Anthone und Katsunori Sawa als „Bokeh“ und eine EP eines Künstlers aus Tokyo, der bisher noch nicht auf dem Label released hat. Die Veröffentlichung wird eine Kooperation mit dem japanischen Musikvideo-Label/-Kollektiv BRDG sein, auf die ich mich schon sehr freue.

Weevil Neigbourhood kann man auf Facebook, Twitter, Soundcloud oder ihrer Website folgen.