11.04.2017  /  Sascha  /  Kategorie: 3 Kurze

Drei Kurze wollen Weile haben. Oder so. Es könnte jedenfalls schon ein ganzes Jahr her sein, dass ich bei Iron Curtis anklopfte und fragte, ob er Bock und Zeit hat, für uns über seine drei letzten Platteneinkäufe zu schreiben. Bock hatte er, bloß keine Zeit, bis jetzt zumindest. Doch kein Problem, denn wir sind nicht nur geduldig, sondern über das Ergebnis auch noch sehr glücklich. Denn wie sich zeigt, kann Iron Curtis nicht nur großartig produzieren* und auflegen, sondern zudem auch noch ganz wunderbar über Musik schreiben. Zum Beispiel die von Jan Jelinek, Lerosa oder STL. Danke dafür!

* Neuester Beweis: Seine soeben erschienene „Maple EP“ auf Office Recordings.

Jan Jelinek – Loop-Finding-Jazz-Records – Faitiche / ~scape (2001/2017)

Ich lege die Platte auf, drücke auf Play und wünsche mir augenblicklich, dass die Rubrik nicht „Drei Kurze“ sondern „Ein Langes“ heißt – „Moiré (Piano & Organ)“ schraubt sich ins Gehirn, Herz und Bauch wie beim ersten Mal hören – und das ist nun immerhin schon über 15 Jahre her. Die Assoziationskette fängt an zu rattern. Anfang der 2000er: Ich höre zwar nicht mehr ganz so unschuldig und referenzlos Musik wie noch Ende der 90er – die Initialzündungen HipHop, Westbam und French House sind mittlerweile überwunden – und doch bleibt das Suchen nach Neuem rastlos wie nach der ersten, selbstgekauften 12-Inch. Jede Möglichkeit, um Musik aufzusaugen, wird genutzt – sei es nun durch endlose Nächte vor VH1, VIVA und MTV, dem Durchwühlen und Zerfasern von Musikmagazinen, rotbackigen Plattenladenbesuchen oder eben Radio: Thomas Meinecke, Pusherman meines eklektizistischen Musikgeschmacks, spielt im Zündfunk auf Bayern 2 einen Track von Jan Jelineks Loop-Finding-Jazz-Records. Der junge Hörer ist verwirrt. Knackt da jetzt das Radio oder ist die Platte vielleicht kaputt? Wieso eiert das so? Ist das vertonte Molekular-Biologie? Und vor allem: War jemals etwas wärmer als dieses Stück Musik? Ich höre Meinecke wissend – während der Track als Musikbett weiterläuft – über die Achse Berlin-Detroit, Daniel Bell als Referenzfigur des Minimal Techno, Dub und Pole, Barbara Preisinger und das Ultraschall in München, Mouse on Mars, Farben, Klang und Playhouse referieren (in seiner unverkennbaren Art spielt er danach einen Track von Timberland oder den Neptunes). Alles fügt sich, alles hängt zusammen, alles ist dicht und tief.
Ich habe Loop-Finding-Jazz-Records studiert und habe mich trotzdem bis heute nicht satt hören können. Allen, die das ~scape-Release damals nicht mitbekommen haben, sei das Re-Release auf Jan Jelineks eigenem Faitiche-Imprint wärmstens und knisternd ans Herz gelegt.

Lerosa – Subcouture – Idle Hands (2017)

Seit „Ruski“ (Real Soon) und „Much Later“ (Uzuri) werde ich immer schwach, wenn eine neue Veröffentlichung von Leo Rosa alias Lerosa im Plattenladen des Vertrauens angepriesen wird. Ich kaufe meist ungehört, da sowieso klar ist, dass sich nach Kenntnisnahme der Musik bestätigt, was zugleich tief befriedigend (als Hörer) und frustrierend (als Musiker) ist: Keiner bewegt sich so mühelos zwischen alt und neu, House, Dub, Proto, Electro, Disco, Acid und Detroit-Techno wie er – und doch klingt es immer nach, nunja, Lerosa.
Auf der „Subcouture EP“ macht Lerosa dann genau das: „Line Bass“ nimmt von Metro Area bis Dub alles mit, „Scruffy“ erinnert mich an Cloudface im T-Coy Remix und der Titeltrack wird dann den Stepper Roots des Labels voll und ganz gerecht. Und das auch nur ohne einen Hauch der lähmenden Dub-Techno-Formel zu verwenden, die mir die letzten Jahre über das Hören in diesem Genre so schwer gemacht hat.
Ich wäre auch gerne im Stande, in einem einzigen Track eine Soundästhetik zu kreieren, die die technische Unbekümmertheit von früh 80er Digital Dub und die Rauheit eines Mark Stewart zusammen fast, in der Maurizio-Schule gewesen zu sein, aber eben nicht nach einem House-Producer zu klingen, der nebenher gerne mal einen Dub-Techno-Track zusammenklopft.
Natürlich spielt auch bei meinem Fanboy-Tum für Lerosa meine Liebe für das quer durch den Gemüsegarten (siehe Eklektizismus – Fluch und Segen) eine entscheidende Rolle. Doch wirkt es bei ihm nie extrem oder gewollt, sondern nur konsequent: Bei seinen Platten höre ich die Referenzen, fühle mich aber niemals in die Retro-Ecke gedrängt, die Hommage ist liebevoll, plump kopiert wird nie. Außerdem lege ich seine Platten verdammt gerne auf.

STL – Sensing Fly-By Chances – Smallville (2017)

Apropos Dub: Mit „PsiFy Robot“ auf seiner neuen 12-Inch für Smallville kommt STL „Six In A Row“ und „Silent State“ noch am nächsten. Hymnen bis heute – nicht nur für mich, den damals bekifften Tänzer im Club der Visionäre am Freitagnachmittag im Sommer 2009, sondern auch für all diejenigen, die die letzten Atemzüge des unsäglich kalten Berliner Minimal Technos herbeigesehnt und die Rückkehr von House auf die Floors mit hands in the air gefeiert haben. Trotzdem blieb STLs Musik für mich immer ungreifbar und unwirklich – und dass obgleich der gefühlten Nähe zu anderen Helden wie etwa Theo Parrish oder Basic Channel. Aber STL ist kompromissloser: Mal scheppert es so sehr, dass ich mich zwingen muss, bis zum Schluss dran zu bleiben. Doch schält sich im Verlauf vieler seiner Tracks diese unfassbare Schönheit und Wärme versöhnlich durch das MPC-Geshuffle. „Thing In The Mirraw“ von der neuen EP hat in jedem Fall diese Qualitäten: Der Reese-Bass schraubt und schraubt und schraubt. Und dann klopft die Cowbell auch noch unerbittlich im Off-Beat. „Fade The Sun“ ist im Vergleich zu früheren gebrochenen Stücken von STL dann sogar noch einen Tick dystopischer. Ist es bei Lerosa die Leichtgängigkeit zwischen den Genres, so ist es bei STL die Kompromisslosigkeit und Konsequenz, die mich fasziniert. Ich sollte mir da nochmal eine dicke Scheibe von abschneiden.


Iron Curtis

Aufgewachsen in Nürnberg, führte Johannes Palukas Weg von den Soulplatten seines Vaters über Drum’n’Bass-Partys hin zu House als universelle Schnittstelle seiner Musikleidenschaft. Der Durchbruch unter dem Alias Iron Curtis kam mit seinem Umzug 2008 nach Berlin. Seine Tracks setzen auf Versatilität: ob Downbeat, deeper House oder eine detroitig-durchbollernde 707 – alles geht, Hauptsache der Groove stimmt.